«SCHÖN, GIBT ES DIE FORMEL E»

Marc Surer (64) ist immer noch sehr nah an der Formel 1 dran. Der Baselbieter spricht über die Langeweile in der «Königsklasse», Sauber und die boomende «Formel E».

Bei 19 Rennen standen in der abgelaufenen Formel-1-Saison neunmal die genau gleichen drei Fahre auf dem Podest. Der Sieger stammte jedes Mal aus dem Trio Hamilton, Rosberg und Vettel und total gingen sagenhafte 45 von total 54 Podestplätze an diese Drei. Allein Kimi Räikkönen in Bahrain und Daniel Ricciardo in Singapur schafften es neben dem «Trio Grande», einen zweiten Rang herauszufahren. Etwas mehr Abwechslung gab es auf Postion 3. Neben Vettel, Hamilton und Rosberg standen da immerhin mindestens einmal auch Räikkönnen, Massa, Ricciardo, Grosjean, Perez und Bottas. Dass diese gähnende Langeweile die Formel 1 ins Abseits manövriert, glaubt Marc Surer nicht. «Solch dominante Phasen von Teams gab es schon früher», sagt der 64-jährige Baselbieter, der immer noch hautnah am Geschehen dran ist. Zur «Formel e» meint Surer diskret: «Schön, dass es sie gibt.» Dass die Elektrorennserie der «Königsklasse» einst den Rang ablaufen könnte, dass glaubt der ex Formel-1-Pilot ganz und gar nicht.

Marc Surer, schafft sich die Formel 1 mit der ausgeprägten Akzentuierung hin zur Zweiklassengesellschaft langsam selbst ab?

Marc Surer: Es gab immer schon Phasen, als Teams die Formel 1 dominierten. Ich erinnere an Red Bull – unmittelbar vor Mercedes. Wobei früher, zugegeben, trotzdem noch viel mehr Kampf und Racing stattfand als heute, weil es auch mehr Ausfälle und Zwischenfälle gab. Heute sind die Autos extrem zuverlässig geworden.

Mercedes beherrscht den Wettbewerb mehr oder weniger gnadenlos?
Wenn Reglemente ändern, gibt es zuerst immer die, die vorneweg sind. Das aktuelle Motorenreglement gilt seit 2014. Je länger ein Reglement besteht, desto öfter ist zu beobachten, dass der Wettkampf im Verlauf der Zeit wieder zunimmt. Irgendwann haben die Hintersten und Letzten begriffen, wie es geht.

Dann sind Sie froh, dass das Thema , -Liter-Biturbo-Alternativmotor offenbar jetzt endgültig vom Tisch ist?

Ja, es ist gut, macht man mit den Hybrid- Motoren weiter und ändert nichts am Reglement. Das ist schliesslich die Technik der Autos von heute und morgen. Die Konstrukteure leisten hier also zweifellos auch einen wichtigen Beitrag für den «normalen» Autofahrer. Es ist unglaublich, wie viel Energie ein Formel-1-Motor in ein paar Sekunden speichern kann. Da reden wir von Werten, von denen man in der herkömmlichen Produktion derzeit nur träumen kann.Formel-1-Legende Gerhard Berger sagt: «Die Formel 1 ist heute weder Show, Spektakel noch Herausforderung. Viel zu viel Telemetrie, viel zu perfekt, viel zu wenig echte Kerle und Power.»

Wie sehen Sie das, und würde eine Budget-Obergrenze das Problem entschärfen?Das finanzielle Ungleichgewicht sorgt ja in erster Linie für die Machtkonzentration?

Die Fahrer treten heute effektiv viel zu sehr als Sprecher ihrer Werke auf und leiern stereotyp runter, was ihnen eingebleut wird. Da geht viel Charisma verloren. Ein Budgetlimit wäre ein Mittel, das über die Steuern sogar einigermassen kontrollierbar wäre. Selbst wenn Teams mit Werken im Rücken nach wie vor in die Trickkiste greifen könnten.

Einschaltquoten der Formel 1 sind sinkend.
Einschaltquoten der Formel 1 sind sinkend.

Die «Kleinen» wie Sauber haben in der Formel 1 also zusehends «null Brot»? Sauber wird sich künftig mehr und mehr nach hinten orientieren müssen. Manor hat mit Mercedes einen mehrjährigen Liefervertrag für Motoren abgeschlos- sen, das neue US-Team Haas ist aus meiner Sicht ein verkappter Ferrari und ist als solcher in der Debüt-Saison stark zu erwarten, Torro Rosso geht mit Ferrari -Motoren aus der Saison 2015 an den Start – das wird hart für Sauber …

Trauen Sie dem Schweizer Team ein besseres Resultat als 015, als man in der Teamwertung Rang 8 mit 36 Punk- ten geholt hat, zu?

Die ganze Hoffnung ruht einzig und allein auf dem neuen Technischen Direktor Mark Smith, der ja zuvor bereits bei Caterham, Force India, Red Bull und Jor- dan gewesen ist. Mit ihm steht und fällt der Erfolg. Ich hoffe sehr, dass er Sauber ein gutes Auto hinstellt.

Der neue SauberC35-Ferrari wird bis zu den ersten vier Testtagen vom . bis 5. Februar in Barcelona noch nicht fertig, sprich fahrbar sein.

Wer weiss? Vielleicht ein gutes Omen. Bei Force India war das letztes Jahr auch so. Erst in der dritten Testwoche in Barcelona, 14 Tage vor dem Saisonauftakt, rückten Nico Hülkenberg und Sergio Pérez mit dem neuen VJM08 an. Die Saison verlief dann bekanntlich mit dem fünften Schlussrang in der Konstrukteurswertung so gut wie nie zuvor.

Was halten Sie von der boomenden «Formel e»? Aguri-Teamboss Mark Prewston hat gesagt, dass er glaube, dass die Formel E der Formel 1 den Rang ablaufen werde?

Dieser Meinung bin ich nicht. Die «Formel e» ist kein Konkurrent der Formel 1. Die Autos sind ja kaum schneller als ein GP3. Super ist, dass die «Formel e» in die Stadt kommt und sich dem Fan quasi vor der Haustür präsentiert. Ich spreche da aus Erfahrung … Das wird für die Formel 1 niemals möglich sein.

Inwiefern sprechen Sie aus Erfahrung?

Meine Frau ist Argentinierin. Die «Formel e» fährt in Buenos Aires vor unserer Haustür vorbei – das ist schon cool und öffnet dem Motorsport Türen respektive der Sport gewinnt dadurch neue Fans.

Marc Surer beobachtet die Szene intensiv und skeptisch.
Marc Surer beobachtet die Szene intensiv und skeptisch.

Etwa Junge, die Rennsport bisher nur vom Gamen her kennen?
Ja, und von denen gibt es sehr viele. Virtuell kennen sie jede Strecke, aber live haben sie noch nie ein Autorennen oder ein Rennauto in Action gesehen. Das muss man schon einmal erlebt haben, um zu wissen, wie faszinierend das ist.

Falls wie geplant oder angedacht 2017 in Zürich tatsächlich ein «Formel E»- WM-Lauf statt findet, könnte das auch das Ende des Rundstreckenverbots in der Schweiz einläuten?

Alle bisherigen Bestrebungen, den Motorsport in der Schweiz mit einer Rundstrecke wieder anzusiedeln, sind gescheitert. Wenn die «Formel e» hier den entscheidenden Input beiträgt, wäre das natürlich grossartig.

Von all dem, was sich nebst der Formel 1 in Sachen Motorsport in der Schweiz abspielt, nimmt die breite Masse kaum Notiz bzw. kann sich gar nicht vorstellen, was da sonst noch kommt?

Abgesehen von den Bergrennen, die nach wie vor gefährlich sind, und Slaloms, spielt sich viel im Ausland ab. Das wiederum schlägt sich in höheren Kosten und keiner optimalen Förderung des Nachwuchses nieder.

 

Nachwuchs …?

Ja, ich habe das während meiner Aktivzeit auch kennengelernt. Ein nationaler Sponsor wäre oft eher bereit, einen jungen Fahrer zu unterstützen, wenn er diesen im Jura oder irgendwo sonst im Land bei seinem Sport beobachten respektive mit einem Event in Verbindung bringen könnte und nicht zuerst 300 Kilometer weit fahren müssten, um zur nächsten Rundstrecke in Deutschland oder Frankreich zu gelangen.

Hätten Sie sich als «Formel e»-Fahrer gesehen?
Zum Glück stellt sich diese Frage für mich nicht mehr (lacht). Aber es ist sehr schön, dass es sie gibt …

1984 war Marc Surer im Barclay-Nordica-Arrows-BMW unterwegs.

Das klingt so euphorisch, als ob Sie erzählten, wie «cool» Sie es fänden, wenn man Sie dazu verdonnern würde, im Dschungelcamp mitzumachen …?

Es sind viele Formel-1-Fahrer in der Formel e, die es in der Formel 1 nicht ganz geschafft haben. Das ist so. Neben der Formel 1 und der Langstrecken-WM ist die «Formel e» aber derzeit die einzige, international wirklich ernst zu nehmende Serie, bei der man Geld verdienen kann. Darum ist sie wertvoll und auch weil sie eine wertvolle Plattform zur Enwicklung neuer Technolgien ist.

Ein Blick voraus – wird die Formel- 1-Saison 2016 spannender als die von 2015?
Ich und viele andere hoffen darauf, dass Sebastian Vettel die beiden Mercedes mehr bedrängen und herausfordern wer- den kann.

2016 gibt es in der Formel 1 eine neue Reifenmischung, den ultraweichen Reifen. Auch die Regeln zum Einsatz der Pirelli-Pneus haben sich geändert. So sollen die Rennen unterhaltsamer werden und sich mehr strategische Optionen ergeben – glauben Sie daran?

Ich habe das Reifenreglement dreimal durchgelesen und es immer noch nicht wirklich begriffen. Aber ich denke schon, dass der eine oder andere, von dem man es nicht vermutet hätte, mit einem glücklichen Händchen bei der Reifenwahl überraschen kann.