ÖFFENTLICHER VERKEHR SOLL GRATIS WERDEN

Im Kanton Aargau soll der öffentliche Verkehr künftig umsonst benutzt werden können. Das verlangt ein Positionspapier der SP des Kantons.

Im Kanton Aargau soll der öffentliche Verkehr künftig umsonst benutzt werden können.

Es ist nichts Neues, aber es klingt wie neu: Das Positionspapier der Aargauer SP-Sektion fordert einen kostenlosen staatlich finanzierten öffentlichen Verkehr auf dem ganzen Kantonsgebiet gemäss der «Aargauer Zeitung». Ob das in der Praxis umsetzbar ist, weiss man nicht, denn Erfahrungen hierüber gibt es in der Schweiz keine.

Im neuenburgischen Le Locle hatten die Stimmbürger 2004 die Einführung eines kostenlosen öffentlichen Verkehrs mit grossem Mehr abgelehnt. Die vier Ortslinienbusse wären während einer Versuchsphase von vier Jahren gratis für die Bevölkerung unterwegs gewesen. Die Gegner der Vorlage waren von einem geschätzten Einnahmeausfall von mindestens 350 000 Franken jährlich ausgegangen. Auch in den Kantonen Genf und Glarus lehnten die Stimmbürger den Gratis-ÖV ab.

Erfahrungen im Ausland

Auch im Ausland gibt es einige Erfahrungen mit dem Gratis-ÖV. In der belgischen Stadt Hasselt mit gegen 70 000 Einwohnern wurde ein solches Modell 1997 eingeführt. Vom 1. Juli 1997 an waren alle Busse für jedermann kostenlos benutzbar. Gleichzeitig wurden 800 Parkplätze im Stadtgebiet abgeschafft, Parken kostet jetzt 1 Euro pro Stunde. Diese Parkeinnahmen investierte die Stadt direkt in den öffentlichen Verkehr. Zwar wurden immer mehr Fahrgäste befördert, aber umgekehrt bezahlten immer weniger Leute für Parkplätze mit der Konsequenz, dass die Finanzierungsgrundlage wieder wegbrach. Daraufhin wurde wieder eine kleine Gebühr pro Fahrt eingeführt. 2013 entschied der Stadtrat von Hasselt, den ÖV wieder kostenpflichtig zu machen.

In Tallinn fährt man gratis

In der estnischen Hauptstadt können die Bewohner seit dem 1. Januar 2013 kostenlos mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Doch gilt das nur für die gemeldeten Einwohner von Tallinn. Die Verantwortlichen hoffen, dass sie damit mehr Steuereinnahmen generieren, um die Ausfälle des kostenlosen öffentlichen Verkehrs wettzumachen. Dagegen wurden die Preise für Touristen und andere Besucher verdoppelt. Ob sich das Frei-Fahrt-System in Tallinn langfristig behaupten kann, wird sich weisen. Die Ausfälle werden auf 20 Mio. Euro pro Jahr geschätzt. Diese Kosten müssen etwa über mehr Steuereinnahmen hereingespielt werden.

 

Auch im Ausland gibt es einige Erfahrungen mit dem Gratis-ÖV. In der belgischen Stadt Hasselt mit gegen 70 000 Einwohnern wurde ein solches Modell 1997 eingeführt.
Auch im Ausland gibt es einige Erfahrungen mit dem Gratis-ÖV. In der belgischen Stadt Hasselt mit gegen 70 000 Einwohnern wurde ein solches Modell 1997 eingeführt.

Wohl eher Wunschdenken

Nach den bisher negativen Abstimmungen über die Einführung der kostenlosen ÖV-Benutzung in verschiedenen Schweizer Städten und Kantonen gibt es keine gesicherten Anzeichen dafür, dass der Kanton Aargau den Gratis-ÖV auf dem ganzen Kantonsgebiet etablieren kann.

Laut Angaben des aargauischen Verkehrsdepartements würde sich der Wegfall der Einnahmen aus dem Billettverkauf auf 150 Mio. Franken pro Jahr belaufen. Geld, das man andernorts hereinholen muss. Ein Sprecher der Schweizerischen Verkehrs-Stiftung (SVS), die sich die Förderung eines menschen- und naturgerechten Verkehrswesens auf die Fahne geschrieben hat und deren Stiftungsrat dementsprechend einen Zug ins Linksgrüne aufweist, beziffert die Kosten schweizweit auf mehrere Milliarden Franken pro Jahr. Bei solchen Zahlen dürfte ein Gratis-ÖV wohl unrealistisch sein.