THIERRY BOLLORÉ: «DAS AUTOMOBIL IST EIN MITTEL ZUR FREIHEIT»

Der Sportchef von Renault äussert sich in einem Exklusivinterview mit der AR zu den grössten Herausforderungen für den Hersteller.

Die Renaults treffen sich im alten und neuen Alpine Antlitz.

«Automobil Revue»: Wie die meisten Hersteller, setzt auch Renault stark auf die SUV. Hat dieser Trend noch eine grosse Zukunft?

Thierry Bolloré: Die Crossover sind heute in allen Segmenten vertreten, von der Oberklasse bis zur Kompaktklasse. Der Captur ist da ein gutes Beispiel. Wenn wir Crossover in verschiedenen Marktsegmenten anbieten, stimuliert das die Verkaufszahlen, denn das Wachstum ist bei diesen Fahrzeugen viel ausgeprägter als bei den Limousinen. Und der Boom hält in Europa genauso an, wie auch auf den internationalen Märkten. Die riesige Nachfrage zeigt derzeit keine Anzeichen von Schwäche. Natürlich ist es möglich, dass die SUV eine Modeerscheinung sind, die in zehn Jahren auch wieder abklingen kann. Das sehen wir aber derzeit überhaupt nicht, das Bedürfnis scheint eher primär zu sein. In dieser Beziehung deckt sich unser Angebot genau mit den Ansprüchen unserer Kunden.

Was das autonome Fahren anbelangt, hat sich Renault nicht so entschlossen in Szene gesetzt wie ihr Partner Nissan. Kann man das als Anzeichen sehen, dass Sie noch nicht von der Zukunftsträchtigkeit der selbstfahrenden Autos überzeugt sind?

Wenn Sie sich die jüngste Vergangenheit unserer Marke ansehen, dann finden Sie sicher, dass wir sehr wohl in diesen Bereichen aktiv waren. Vor Kurzem haben wir etwa das Projekt Next Two an die Öffentlichkeit gebracht. Und wir haben seit 2012 bereits mehrere Prototypen lanciert. Eines ist aber sicher, wir forschen nicht im Alleingang am autonomen Fahren, sondern in Zusammenarbeit und in Absprache mit unserem Allianzpartner Nissan. Wir haben etwa ein Dutzend gemeinsame Projekte, die wir bis 2020 vorstellen werden. Die Systeme umfassen neue Funktionen in mehreren unserer Fahrzeugreihen. Als erstes kommt noch dieses Jahr das System Highway One Lane. Wir sind in der Offensive, wir haben einen klaren Plan und setzen diesen Schritt für Schritt in die Realität um. Was Sie von uns nicht sehen werden, sind unrealistische Versprechen, nur um in die Schlagzeilen zu kommen. Wir bringen nur seriöse Projekte auf den Markt. Als nächstes muss die Gesetzgebung ihre Rolle spielen, aber von den technischen Entwicklungen her werden wir bereit sein.

Sie sind einer der führenden Elektroautohersteller. Wie reagieren Sie auf die Oberklasseherausforderer wie etwa Tesla? Wollen Sie diese direkt konkurrenzieren?

Die Elektrofahrzeuge sind für Renault und für die Allianz ein unheimlich wichtiger Grundstein der Zukunftsstrategie. Sie wissen ja, dass Renault einer der Pioniere der Elektrifizierung war und auch heute noch an der Spitze der Entwicklung steht. Gleichzeitig sind wir aber auch ein Hersteller mit einem vollen Sortiment. Das bedeutet für uns, dass wir die innovativsten Technologien einem möglichst breiten Publikum zugänglich machen wollen. Die Elektroautos der Premiumklasse sind genauso faszinierend, aber sie entsprechen nicht unserer Philosophie. Wir arbeiten daran, die Elektromobilität zu popularisieren und sie zu perfektionieren. Parallel dazu setzen wir uns dafür ein, dass die Nachladeinfrastruktur überall auf der Welt ausgebaut wird. Die Nachfrage ist ganz klar da. Elektrofahrzeuge werden einen bedeutenden Teil des Marktes erobern.

Mehrere deutsche Grosshersteller, und wir denken vor allem an Volkswagen, haben den Premiumanspruch betont und ihre Marktanteile in der Schweiz im letzten Jahrzehnt stark ausgebaut. Jetzt scheint auch Renault mit den Neuheiten eine höhere Positionierung seiner Modelle anzustreben. Reagieren Sie damit auf das höhere Qualitätsniveau der deutschen Marken?

Ich glaube, dass die Privatkunden wie auch die Flottenbetreiber heute immer höhere Ansprüche stellen. Das betrifft selbst die Grosshersteller. Bei Renault hatten wir die Wahl. Ob bei der Qualitätsanmutung der Karosserie oder des Interieurs, bei den Technologien oder den Innovationen, als Volumenhersteller wollen wir die Kundenerwartungen befriedigen, ohne dabei die Bezahlbarkeit unserer Fahrzeuge aus den Augen zu verlieren. Alle neuen Modelle von Renault zeigen in dieser Beziehung einen klaren Fortschritt gegenüber ihrer Vorgängergeneration.

Was denken Sie, sind die Schwächen, an denen Renault noch arbeiten muss?

Die höhere Positionierung der Modellreihe geht nicht von einem Tag auf den anderen. Deshalb gehen wir mit einer gewissen Demut vor. Es sind die Kunden, die uns den Fortschritt melden, und zwar nicht nur die angestammten Renault-Fahrer. Wir können mit dem Vordringen in neue Marktsegmente viele neue Interessenten ansprechen. Renault wächst vor allem durch Eroberungskunden. Es wird immer Verbesserungschancen geben, aber ich glaube, es ist am wichtigsten für Renault, die Modellpalette zu verbessern. Der Marktanteilgewinn unserer Produkte beweist, dass wir gegen die besten Konkurrenten bestehen können. Als Grosshersteller müssen wir unsere gesamte Modellpalette höher positionieren und innovative Neuheiten entwickeln, wie sie etwa der Kwid in Indien darstellt. Alle diese Initiativen stärken die Marke. Unsere Sporterfolge tragen ebenfalls ihren Teil mit dazu bei, denn Renault war schon immer stark im Automobilrennsport. Als jüngste Beispiele würde ich unser Formel-1-Programm und das Lancieren der Marke Alpine nennen.

Die Konkurrenz hat jüngst einige ungemein starke Sportlermodelle herausgebracht, wie Honda den Civic Type R und Ford den Focus RS. Gleichzeitig waren die letzten Auflagen von Renault Sport weniger extrem ausgelegt als ihre Vorgänger. Können wir neben Alpine auch wieder schärfere Sportler von Ihnen erwarten?

Unbedingt. Die Geschäftsleitung hat beschlossen, Renault Sport wieder mehr Pfeffer zu verleihen. Ich will Ihnen nichts vormachen, wir fanden ebenfalls, dass der letzte Clio RS nicht scharf genug abgestimmt war. Die kommenden RS-Modelle werden viel extremer und absolut konkurrenzfähig sein, auch gegenüber den Autos, die Sie erwähnt haben. Das ist unabdingbar. Das ist die Marktposition, die wir anstreben, die genau dem Geist von Renault Sport entspricht. Diese Abteilung steht für extreme Sportler, welche die Grenzen der Leistung weiter hinausschieben.

Wie schaffen Sie es als Grosshersteller, leistungsfähige Sportmodelle heraus­ zubringen, die bezahlbar bleiben?

Ich glaube, das ist genau eine der grossen Stärken von Renault, und die Fachmedien geben uns recht. Wir versuchen, in jedem Segment und in jeder Preisklasse den Kunden mehr zu bieten als die Konkurrenz. Sie sehen das beim Talisman, beim Espace oder beim Mégane, und das ist bei den Sportlern genauso. Wir machen unsere Autos leichter und leistungsfähiger, wir wollen aber preislich vor allem immer erschwinglich bleiben.

Die Autobranche ist immer mehr den strikteren Umweltschutzanforderun­ gen und restriktiveren Verkehrsgesetzen unterworfen. Warum besteht Renault weiterhin darauf, sportliche Fahrzeuge anzubieten?

Ich kann diese Frage mit dem Thema der Crossover in Verbindung bringen. Global gesehen sind die Autoverkäufe stark am Steigen. Das zeigt sich besonders in Ländern wie China und Indien. In diesen Regionen ist das Automobil ein echtes Mittel zur Freiheit. Wenn man sich fragt, warum die Crossover so erfolgreich sind, dann wird einem schnell klar, dass sich die Kunden in diesen

Fahrzeugen sicher fühlen, dass sie Status und Freiheit vermitteln. Wenn ein Auto anderseits dynamische Eigenschaften hat und mehr sportlichen Fahrspass bietet als ein normales Fahrzeug, dann gibt mir das die Freiheit zu entscheiden, welche Art Mobilität ich wähle. Wir bauen sportliche Autos und verstärken damit diese Leidenschaft, das individuelle Image, wie es jeder für sich wählt, wenn er lieber dieses Fahrzeug kauft als ein anderes.

Klar, dass man dafür die fortschrittlichsten Technologien braucht. Wir entwickeln äusserste Präzision und Effizienz. Die Tugenden eines leichten und schnellen Fahrzeugs kommen gleichzeitig auch den Normalmodellen zugute. Wenn wir einen Sportler so abstimmen, dass er auf öffentlichen Strassen wie auch auf der Rennstrecke sein Bestes gibt, dann trifft das genau den Kern dessen, wofür Renault steht. Ich bin übrigens der Meinung, dass die Fähigkeiten des autonomen Fahrens mit dieser Vision nicht im Widerspruch stehen. Es gibt immer auch Situationen, wenn man nichts lieber hat als sich im Auto zu entspannen, wenn die Bedingungen für den Fahrspass nicht gegeben sind.

Was ist angesichts dieser Ambitionen die grösste Herausforderung für Renault, zu einem Global Player zu werden?

Um all diese Ziele zu verwirklichen, muss man sie finanzieren können. Das Mittel dazu ist die Allianz mit Nissan. Allein könnten wir das Wachstum nicht anvisieren. Innerhalb der Allianz haben wir die Chance, all die neuen Technologien zu entwickeln, Innovationen zu bringen und diese einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Lösung ist die Zusammenarbeit und die Rationalisierung. Im Alleingang wäre das unmöglich. Dabei müssen die einzelnen Marken selbstverständlich ihre Identität behalten. Ich meine, das ist uns bisher sehr gut gelungen.

Thierry Bolloré

Thierry Bolloré im Einsatz

Der 1963 geborene Thierry Bolloré hat sich ein MBA der Université Paris-Dauphine verdient. Seine Karriere begann 1990 bei Michelin, und er kam 2012, nachdem er international Erfahrungen in verschiedenen Funktionen bei Lastwagen- und Flugzeugreifen gesammelt hatte, zu Renault. Der Franzose war zunächst verantwortlich für die Produktion und die Zulieferer und stieg schnell in das Führungskomitee der Renault-Gruppe auf. Am 10. September 2013 ernannte ihn Carlos Ghosn zum Sportverantwortlichen. Damit ist er neben Performance-Chef Jérôme Stoll einer der Entscheidungsträger beim französischen Hersteller.