ALFA ROMEO COMEBACK, ERSTER AKT

Die in Genf präsentierte «zivile» Ausführung des Alfa Giulia soll der Marke zu neuem Leben verhelfen. Aber die Limousine steht nicht alleine da, denn zwei SUV werden ihr bald Schützenhilfe leisten.

Harald Wester während der Alfa-Romeo-Pressekonferenz vom vergangenen 1. März. Die Giulia muss die höchsten Ansprüche erfüllen. Die Firmenleitung rechnet dennoch mit 100 000 Verkäufen pro Jahr.

Die Renaissance von Alfa wird nicht an einem Tag geschafft, und wohl auch nicht innert Jahresfrist. Die Zeitspanne zu den anvisierten 400 000 Verkäufen pro Jahr dürfte mindestens vier Jahre dauern, wenn alles nach Plan läuft. Die Fussnote ist unumgänglich, denn der Fahrplan mit acht neuen Modellen bis zum Zeithorizont 2020 hat sich jetzt schon um zwei Jahre verzögert.

Die Konzernverantwortlichen geben der Schwäche des chinesischen Marktes die Schuld für die Fristverlängerung. Alfa-Markenchef Harald Wester erwähnte gegenüber der britischen Zeitschrift «Top Gear», dass man gleichzeitig auch die Neueinführungen etwas weiter auseinander terminieren wolle, wie sich das die Markenvertreter erbeten haben. Sie waren der Meinung, dass so viele neue Modelleinführungen in so kurzer Zeit – alle sechs Monate – von ihrer Seite nicht zu schaffen seien.

Die Verzögerungen bei der Giulia – die ersten Quadrifoglio waren auf Ende 2015 versprochen worden – gingen auf das Konto «technischer Unreife», sagen Konzernboss Sergio Marchionne und Harald Wester einheitlich. Sie verneinen Gerüchte, wonach die Limousine bei etwelchen Crashtests durchgefallen ist.

Vielmehr könne man den Wiedereinstieg beim Hinterradantrieb nach einer Absenz von 30 Jahren nicht im Handumdrehen schaffen, zumal die Konkurrenz in dieser Zeit ihre Produkte stetig verfeinert und weiterentwickelt habe. Sergio Marchionne unterstrich an einer Pressekonferenz, dass die Giulia erst ausgeliefert werden dürfe, wenn sie sich mit den deutschen Konkurrenten messen könne. Alles andere wäre ein sinnloser Leerlauf.

Die Topmanager wollen alle Eventualitäten ausschliessen, denn Alfa Romeo kann sich keine Fehler mehr erlauben. Die Traditionsmarke hatte die Erwartungen der Fans schon zu oft nicht erreicht, und das Sympathieguthaben schwindet mit jedem missglückten Anlauf. Alfa kann nicht auf dem Ruhm vergangener Tage in die Zukunft fahren, denn diese Zeiten sind längst vorbei. Diesmal bestehen die Entwickler darauf, die Tradition zu bewahren, und sie sind zuversichtlich, dass die Giulia der Marke neuen Elan einhaucht. Harald Wester versicherte den Fans vor versammelter Journalisten am Genfer Salon, dass die Giulia in ihrem Segment am angenehmsten zu fahren sei, und die grössten Leidenschaften wecke. Das sind grosse Worte, wenn man sich die direkten Gegner vor Augen führt. Vorläufig muss sich der Alfa Giulia aber auch damit begnügen, die deutsche Konkurrenz bei der Leidenschaft zu schlagen, denn bei den angepeilten Verkäufen fangen die Italiener eher bescheiden an. Die Produktion soll vorerst jährlich 100 000 Fahrzeuge auf den Weltmarkt loslassen, während die BMW-3er-Reihe im vergangenen Jahr allein in Europa auf 143 000 Verkäufe kam.

Zwei SUV 2016 und 2018

Allerdings muss die Giulia nicht allein die Bürde tragen, Alfa Romeo zum Erfolg zu verhelfen. Die Firma setzt vielmehr auch auf die SUV, denn sie will gleich zwei Modelle ins Programm auf

nehmen. «Ob uns das passt oder nicht, der Markt verlangt nach diesen Fahrzeugen», meint Harald Wester. «Wie wir im vergangenen Jahrzehnt gesehen haben, verbreiten sich die SUV und kommen mit immer mehr Karosserievarianten. Die Kunden haben klare Vorstellungen von dem, was sie wollen, und wir werden es ihnen recht machen.»

Der erste der SUV kommt noch vor Ende 2016 und gehört zur mittleren Grösse. Der zweite wird sich mit dem BMW X5 messen und wird auf 2018 erwartet. Zusammen sollen die beiden Hochbeiner das Gros der Alfa-Verkäufe bestreiten.

«Wenn wir die Investitionen für ein weltweites Vertriebsnetz aufbringen, dann müssen wir unseren Vertretern zunächst jene Modelle liefern, die in grossen Stückzahlen abgesetzt werden und die ihnen eine gesunde Profitmarge garantieren», erklärt der deutsche Ingenieur.

Aber Harald Wester beruhigt die Sportfans, denn solche Modelle seien in der Pipeline, auch wenn er zu diesen oder deren Terminplan noch keine weiteren Details geben mag. In der Zwischenzeit wird sich Alfa noch auf ein anderes Volumenmodell abstützen: jenes der neuen, auf nächstes Jahr erwarteten Giulietta.

Der Mittelklässler könnte aber noch einige Programmänderungen verpasst bekommen. Vergangenes Jahr versicherte uns Wester noch, dass es sich um einen hinten angetriebenen Sportler handeln würde. Heute krebst der Alfa-Chef aber zurück: «Unsere Plattform ist für den Hinterradantrieb wie auch für den Allradantrieb geeignet, aber wir haben noch nicht endgültig festgelegt, welchen wir für die Giulietta verwenden werden», gibt er zu. «Wir werden das Konzept je nach dem wählen, was uns einen Wettbewerbsvorteil auf dem Markt sichert; mit dem Hinterradantrieb wären wir die Einzigen, denn BMW wechselt für die nächste Generation der 1er-Reihe zum Vorderradantrieb. Die einzige Frage ist für uns, ob das angesichts der A Produktionskosten ein genügend grosser Vorteil ist. Allein auf weiter Flur zu stehen, ist nicht unbedingt die beste Vorgehensweise.»

Formel 1 ungewiss

«Riesig» seien die Herausforderungen für Alfa Romeo, meint Wester. Wenn die Fiat-Gruppe nicht mit Chrysler fusioniert hätte, wäre eine Zukunft unmöglich gewesen. «Die Expansion bedingt die kombinierten Ressourcen des gesamten Konzerns. Die Fusion von Fiat und Chrysler gab den Italienern Zugang zu einem gigantischen Vertriebsnetz; wenn wir dieses nicht hätten, könnten wir nicht wachsen», bekräftigt der Chef von Alfa Romeo und Maserati.

Was den Wiedereinstieg der Marke in die Formel 1 anbelangt, wie ihn Sergio Marchionne wiederholt beschworen hatte, scheint es sich nur darum zu handeln, die Marke in aller Munde zu halten, denn derzeit «gibt es noch nichts Konkretes». Aber eines ist sicher: Alles hängt vom Wachstumserfolg von Alfa Romeo ab. Wenn die Marke zu ihrer alten Grösse findet, dann sind den weiteren Ambitionen der Italiener keine Grenzen gesetzt. Ein erster Realitätscheck ist für Ende Mai oder Anfang Juni festgesetzt. Dann werden wir mit der Markteinführung des Alfa Giulia auch die Gelegenheit haben, erste Tests mit der grossen Zukunftshoffnung durchzuführen.