DEUTSCH-RUSSISCHER KONTAKT

So weit lief es für Vettel (ganz links) ganz gut – doch das Unheil in Gestalt von Daniil Kwjat ist von hinten schon im Anmarsch.

Am 7. Juni 1913 gewann Georgyj Suworin den ersten GP Russland, und zwar in einem Benz 29/60 PS, der aus seinem 7,4-Liter-Vierzylindermotor so viel Schub entwickelte, dass es in der Spitze bis Tempo 90 km/h reichte. Suworin raste vor den Toren St. Petersburgs, dem Sitz des Zaren Nikolaus II., zum Sieg. Er ist bis heute der einzige russische GP-Sieger. Helmut Marko glaubt, dass sich das demnächst ändert. Der Red-Bull-Motorsport-Direktor sieht in seinem Piloten Daniil Kwjat auch einen Siegertypen. Kwjat, 22 Jahre alt, ist der Fahrer, der auf Sebastian Vettel folgte, als der Deutsche zu Ferrari wechselte. So richtig aufgefallen ist Kwjat aber erst vor zwei Wochen, als er Vettel in dessen Teamkollegen Räikkönen spedierte. Vettel war danach «leicht genervt», was Kwjat jedoch betont kalt liess.

Der 22 Jahre alte Kwjat schnuppert an Vettels Heck.
Der 22 Jahre alte Kwjat schnuppert an Vettels Heck.

«Was denkt der sich»

Was Vettel nach dem GP von Russland über Kwjat alles zu sagen hatte, unterliegt weitgehend der Zensur. Diesmal fuhr der Russe dem vierfachen Weltmeister nämlich im Verlauf der ersten Rennsekunden gleich zweimal ins Hinterteil und sorgte so dafür, dass Vettels Job, kaum begonnen, wieder endete. «Ernsthaft, was denkt er sich?», schimpfte der Wahlschweizer über den Boxenfunk: «Erst China, jetzt Russland. Ehrlich Leute, so kann es nicht weitergehen.» Der erste Schlag sei schon eine Überraschung gewesen. «Ich dachte, ich hätte den richtigen Speed, habe mich an Daniel Ricciardo vorbeibremsen können. Dann krieg ich nochmal einen Schlag, dann war es vorbei», so Vettel.

Ein sichtlich enttäuschter Vet Das ist natürlich bitter, wenn man nach einer Runde schon Feierabend hat»
Ein sichtlich enttäuschter Vettel meinte: «Das ist natürlich bitter, wenn man nach einer Runde schon Feierabend hat»

Sieger Rosberg trifft Putin

An der Spitze fuhr derweil WM-Leader Nico Rosberg einmal mehr ein einsames Rennen. Fünf Runden vor Schluss kletterte Staatspräsident Wladimir Putin auf die Ehrentribüne und bestaunte an der Seite von Formel-1-Chefpromoter Bernie Ecclestone, wie Rosberg als Erster ins Ziel fuhr. Zum vierten Mal beim vierten Rennen in dieser Saison. Der Deutsche baut damit seinen Vorsprung in der WM-Gesamtwertung auf 43 Punkte auf Teamkollege Lewis Hamilton aus. Letzterer schaffte es nach einer bemerkenswerten Aufholjagd vom 10. Startplatz noch bis auf den aufmunternden zweiten Rang. Der letzte Platz auf dem Stockerl war, wie so oft, für Ferrari reserviert. Nach dem Abschuss von Vettel war es folglich Kimi Räikkönen, der sich Bronze sicherte.

Bei der Siegerehrung beglückwünschte Russlands Staatspräsident den Mercedes-Piloten höchstpersönlich. Rosberg verhielt sich bei der obligatorischen Champagnerdusche politisch korrekt und verschonte den Machthaber, der den GP an der Küste des Schwarzen Meeres ermöglicht hat. «Ich war voll konzentriert, das ganze Wochenende lief super für mich. Ich wusste, dass ich keinen Fehler machen durfte, weil Lewis hinter mir wirklich grossartig gefahren ist», kommentierte Rosberg nach dem Rennen. Sauber blieb dagegen einmal mehr ohne Punkte.

Und was ist die Moral der Geschichte: Wenn Rosberg so weiterfährt, ist er schon bald Weltmeister und wenn Kwjat so weiterfährt, ist er noch lange nicht der neue Georgyj Suworin.

So weit lief es für Vettel (ganz links) ganz gut – doch das Unheil in Gestalt von Daniil Kwjat ist von hinten schon im Anmarsch.

 

Sotschi, 4. Lauf zur Formel-1-WM

1. Nico Rosberg (GER), Mercedes. 2. Lewis Hamilton (GBR), Mercedes, 25,022 zurück. 3. Kimi Räikkönen (FIN), Ferrari, 31,998. 4. Valtteri Bottas (FIN), Williams-Mercedes, 50,217. 5. Felipe Massa (BRA), Williams-Mercedes, 74,427. 6. eine Runde zurück: Fernando Alonso (ESP), McLaren-Honda. 7. Kevin Magnussen (DEN), Renault. 8. Romain Grosjean (FRA/SUI), Haas-Ferrari. 9. Sergio Perez (MEX), Force India-Mercedes. 10. Jenson Button (GBR), McLaren-Honda. Ferner: 14. Marcus Ericsson (SWE), Sauber-Ferrari. 16. Felipe Nasr (BRA), Sauber-Ferrari. Ausgeschieden u.a.: Sebastian Vettel (GER), Ferrari (Kollision); Nico Hülkenberg (GER), Force India-Mercedes (Kollision).

 WM-Stand: (4/21). Fahrer: 1. Rosberg 100. 2. Hamilton 57. 3. Räikkönen 43. 4. Ricciardo 36. 5. Vettel 33. 6. Massa 32. 7. Grosjean 22. 8. Kwjat 21. 9. Bottas 19. 10. Verstappen 13. 11. Alonso 8. 12. Magnussen 6. 13. Hülkenberg 6. 14. Sainz 5. 15. Perez 2. 16. Button 1. 17. Vandoorne 1.
Teams: 1. Mercedes 157. 2. Ferrari 76. 3. Red Bull-Renault 57. 4. Williams-Mercedes 51. 5. Haas-Ferrari 22. 6. Toro Rosso-Ferrari 17. 7. McLaren-Honda 10. 8. Force India-Mercedes 8. 9. Renault 6. 10. Sauber-Ferrari 0.

 

Die Kolumne von Fabio Leimer zum aktuellen Renngeschehen finden Sie in der Printausgabe oder in unserer e-Paper Version.2016_18_Titelblatt_AR

Fabio Leimer
Fabio Leimer