MÖWEN OHNE SCHULD

Sebastian Vettel hätte den GP in Kanada wohl gewinnen können – er hätte...

Sebastian Vettel scherzte im Ziel mit Hamilton über «selbstmörderische Seemöwen» am Streckenrand, denen er ausweichen musste.

Titelverteidiger Lewis Hamilton hat das siebte Formel-1-Saisonrennen in Kanada gewonnen. Der Brite setzte sich im Mercedes dank einer besseren Reifentaktik vor Ferrari-Fahrer Sebastian Vettel durch. Für Hamilton war es der fünfte Erfolg in Kanada in seiner Karriere. Dritter wurde der Finne Valtteri Bottas im Williams, der damit für Abwechslung auf dem Podest sorgte. WM-Spitzenreiter Nico Rosberg musste sich mit Rang fünf begnügen. In der Gesamtwertung liegt der gebürtige Wiesbadener damit nur noch neun Punkte vor Hamilton.

Vögel auf der Strasse
Sebastian Vettel seinerseits scherzte im Ziel mit Hamilton  über «selbstmörderische Seemöwen» am Streckenrand, denen er ausweichen musste und sagte über Hamilton: «Er bremst nicht für Tiere. Ihr solltet ihn deswegen hart rannehmen. Zwei Möwen in der ersten Kurve». Worauf Hamilton kontert: «Nutzt du die jetzt als Ausrede? Ich finde, die Möwen waren unschuldig.»

So wirklich happy war Vettel in dem Moment freilich nicht. Wenn Ferrari «nicht zum wiederholten Mal auf eine falsche Strategie gesetzt hätte», wäre Vettels Laune wohl noch besser gewesen. Der Ferrari-Pilot lag nach seinem 1a-Start von Platz drei aus in Führung und schien Hamilton kontrollieren zu können, als in der elften Runde wegen eines Motorschadens am McLaren-Honda von Jenson Button eine virtuelle Safety-Car-Phase angezeigt wurde. Die Ferrari-Strategen entschieden sich deshalb zu einem frühen Reifenwechsel und torpedierten so Vettels Siegchancen. «Unsere Idee war, dass wir dann am Ende einen deutlich frischeren Reifen haben würden und dann noch einmal richtig attackieren könnten», sagte Vettel. «Aber die Reifen bei Lewis haben länger gehalten, als wir das gedacht hatten, deswegen war es schwierig, die Lücke mit den neueren Reifen wieder zuzufahren.» Kritischere Töne wollte der vierfache Weltmeister aber nicht anschlagen: «Die Entscheidung tragen wir als Team. Und ausserdem ist man hinterher immer schlauer. Viele Experten, von Christian Danner über Marc Surer bis Damon Hill, waren sich schon während des Rennens einig, dass Ferrari hätte mutiger agieren müssen — auch angesichts der Berechnungen von Pirelli über die Haltbarkeit der Soft-Reifen.

Noch neun Punkte
Sieger Hamilton, der zum fünften Mal in Montréal gewann und insgesamt den 45. Sieg seiner Karriere feierte, kam die Strategieentscheidung von Ferrari jedenfalls entgegen: «Denn die waren auf jeden Fall sehr schnell hier, sind näher an uns herangekommen.» Ganz sicher war sich allerdings auch Mercedes-Sportchef Toto Wolff nicht immer gewesen, ob die Ein-Stopp-Strategie seines Teams aufgehen würde: «Einen Moment lang sah es so aus, als ob es nicht reichen würde, aber dann haben sich die Reifentemperaturen stabilisiert und es ging doch noch gut aus.»
Bei aktuell 38 Punkten Rückstand auf den WM-Führenden Nico Rosberg und dem nur noch 9 Punkte dahinter klassierten Hamilton wird es auch nach dem technischen Fortschritt für Vettel vermutlich nicht für den WM-Titel reichen. Der zuletzt utopisch wirkende erste Saisonsieg rückt in den nächsten Rennen in Aserbaidschan, Österreich und England aber näher.

Sauber ohne Chance
Für Sauber hiess es am Ende einmal mehr: ausser Spesen nix gewesen. «Ein Schuss ins Vaterland», wie es so hübsch heisst. Die Schweizer haben das Feld stets  vor sich. Bereits am Start kurbelte es Nasr nach einer Touche mit Magnusson rundherum.  Ericsson landet am Ende auf Platz 15, Nasr wird 18. Die Fans müssen weiter auf die ersten WM-Punkte 2016 warten.