EIN DRAMA MIT SCHWEIZERN IN DER OPFER- UND SIEGERROLLE

Pechvogel Sébastien Buemi, Glückspilz Neel Jani: Nach über 5000 Kilometern erleben die beiden Schweizer ein seltenes, ja noch nie dagewesenes «Last-Minute-Drama» beim Klassiker in Le Mans. Am Ende jubelt Porsche und Toyota versinkt im Tal der Tränen.

Der Seeländer Neel Jani (links) feiert in Le Mans im Porsche den grössten Sieg seiner Karriere.

How lucky are we?» Der Seeländer Neel Jani mit indischen Wurzeln hätte keine passenderen Worte finden können, als er über Bordfunk zum Renningenieur sprach. Gut drei Minuten dauerte der 24-Stunden-Marathon in Nordwestfrankreich noch, als Jani nicht wusste, wie ihm geschah. Soeben war er an jenem Toyota vorbeigezogen, zu dessen Fahrertrio auch der Romand Sébastien Buemi gehört und der mit dem Japaner Nakajima am Steuer dem scheinbar sicheren Sieg entgegenfuhr. «Kein Regisseur der Welt hätte sowas dramatischer inszenieren können», hielt Sieger Jani im Ziel fest.

Blankes Entsetzen

Janis Rückstand war beträchtlich gewesen, der Toyota zu schnell, das Rennen schien gelaufen. «Das Rennen war eine 24-stündige Hetzjagd zwischen Toyota und Porsche. Bis auf einige Zeit in der Nacht waren wir die Jäger. Ich bewegte mich am Schluss voll am Limit und habe alles riskiert», so der Berner. Zehn Minuten vor Schluss sei sein Reifen hinüber gewesen. «Ich bin deshalb noch einmal in die Box und dachte, dass es womöglich noch für die schnellste Runde reichen würde.» Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt: Plötzlich, nach über 5000 Kilometern, verlor der Toyota an Tempo, bis er mit einem Defekt auf der Zielgeraden stehen blieb. Unter den 263 500 Zuschauern machte sich Staunen breit – und bei den Technikern in der Toyota-Box das blanke Entsetzen. «Am Funk wurde mir gesagt, dass der Toyota einen Leistungsabfall hat. Trotzdem traute ich meinen Augen nicht, als ich plötzlich am stehenden Toyota vorbei fuhr», so Jani.

Nicht Mal Jo Siffert

Jani erbte so den Sieg. «Es ist natürlich mein grösster Sieg. Toll, dass ich das mit Porsche geschafft habe. Selbst Jo Siffert gelang es nie, Le Mans zu gewinnen. Ich habe in Le Mans den Rundenrekord, zwei Pole-Position und jetzt auch den Sieg – also eigentlich alles, was ich mir zum Ziel gesetzt habe», so der überglückliche Sieger.

Ein Sieger, der bei aller Freude auch an die Verlierer dachte: «Bei aller Freude zerreisst es einem auch das Herz, wenn man daran denkt, was Toyota passiert ist. So etwas wünscht man keinem», sagte er kurz nach dem Rennen. Und Buemi meinte später: «Es ist hart Worte für das zu finden, was uns da passiert ist. Wir waren so nahe dran, unser Ziel zu erreichen.» Le Mans sei das grösste Rennen der Welt, so der Waadtländer. «Das macht es noch schwerer, das Vorgefallene zu akzeptieren.» Alle hätten alles richtig gemacht, so Buemi. Freilich ist das Schicksal in dem Sinn nicht und für niemanden vorhersehbar. Buemi: «Das Ziel für nächstes Jahr ist klar …»

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Unfassbares Pech hat dagegen der Romand Sébastien Buemi im Toyota (Mitte).

Zweiter Schweizer

Neel Jani ist durch seinen Sieg erst der zweitete Schweizer LeMans-Sieger in der 93-jährigen Geschichte des 24-Stunden-Klassikers. Nachdem die Schweiz 87 Jahre auf den ersten Sieg warten musste, stand in den letzten sechs Austragungen vier Mal ein Schweizer zuoberst auf dem Podest. Eine absolut bemerkenswerte Leistung für ein Land, das nach wie vor das Rundstreckenrennverbot kennt. 2011, 2012 und 2014 war es Marcel Fässler, der jubeln konnte. Neel Jani seinerseits hat das legendärste Langstreckenrennen nun im achten Anlauf erstmals gewonnen und damit Porsches Vormachtstellung an der Sparte untermauert. Zum zweiten Mal in Folge und zum 18. Mal insgesamt haben die
Zuffenhausener gewonnen, auf Platz 2 folgt Audi mit 13 Siegen. Toyota seinerseits wartet nach dem Debakel weiterhin auf den ersten Sieg. Aus dem Kreis der japanischen Hersteller gab es in der Königsklasse der Prototypen (LMP1) einzig 1991 (Mazda) eine Erfolgsmeldung.

Die drei grossen Werksteams waren in diesem Jahr mit je zwei Wagen präsent, nachdem Audi und Porsche im Vorjahr noch mit deren drei an den Start gegangen waren – der nach dem Abgasskandal vom Mutterhaus VW verordnete Sparzwang forderte seinen Tribut.

Zum Vergessen

Der im Vorfeld erwartete Dreikampf der etablierten Hersteller blieb allerdings aus, weil Audi mit dem dreifachen Sieger Marcel Fässler (2011/12/14) nie richtig ins Rennwochenende fand und nach diversen technischen Problemen früh entscheidend zurückgefallen war. Der Schwyzer wurde Vierter mit 17 Runden Rückstand. An diesem Weekend ist bei uns so ziemlich alles schief gelaufen, was schief laufen konnte», meinte Fässler. Schon früh hätten er und seine Teamkollegen den Turbolader wechseln müssen. Aber auch danach «hatten wir immer wieder Kleinigkeiten, die nicht funktioniert haben. Wir waren zeitweise zeitlich zwar gut unterwegs, aber es kam halt immer wieder etwas dazwischen.» Dieses Rennen müsse man abhaken. «Solche Tage gehören auch zum Sport und meistens lernt man aus ihnen am meisten», so der Innerschweizer. Und auch der Audi Werkspilot hatte Mitleid mit seinen Toyota-Kollegen. «Der Ausgang des Rennens tut mir für Sébastien extrem leid. Ich bin nach dem Rennen den Leuten von Toyota begegnet und wenn man ihnen in die Augen schaut, tut das einem selber enorm weh.» Auf der anderen Seite freute sich Marcel Fässler auch für den Sieger. «Natürlich freut es mich für Neel, dass er gewonnen hat. Er soll den Moment geniessen.»

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Die „rote“ Laterne Umzug der ganz grossen Werksteams gebührte diesmal Audi. Der dreifache Le-Mans-Sieger Marcel Fässler und seine Kollegen mit der Nummer 7 zogen einen Tag zum Vergessen ein.

In jeder Rolle Schweizer

Toyota hat eine Niederlage erlitten, wie sie bitterer kaum mehr vorstellbar ist – und der Mythos Le Mans ist um ein dramatisches Kapitel reicher. Und mitten drin die Schweizer: Hier auf der Seite des Opfers, da auf derjenigen dessen, der sein Glück kaum fassen kann. Gibt es eine ausgleichende Gerechtigkeit, wird Sébastien Buemi der nächste Schweizer LeMans-Sieger werden.

Hollywood auch in Box

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Passend zum spektakulären und filmreifen Geschehen auf der Rennstrecke, wehte in Le Mans effektiv ein Hauch von Hollywood am Streckenrand: An der Box des Audi Sport Team Joest verfolgte Action-Held Jason Statham den Start der 24 Stunden von Le Mans, der offiziell von Brad Pitt freigegeben wurde. Am Abend zuvor hatte bereits Keanu Reeves von Le-Mans-Rekordsieger Tom Kristensen eine exklusive Führung durch die Audi-Box bekommen. Als Gäste von Audi verfolgten auch die Schauspieler Mathieu Kassovitz, Riccardo Scamarico und Valeria Solarino sowie Sänger Andreas Bourani die 84. Au age des französischen Langstrecken-Klassikers.

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