DIE ANKUNFT IN PARIS UND EIN BLICK ZURÜCK

Das Abenteuer, die 6. «Motor Challenge Peking to Paris», hat sein Ende gefunden. Mein Vater und ich waren am vergangenen Sonntag, dem 17. Juli, wohlauf in Paris angekommen. Die beiden letzten Etappen in Richtung Reims und Paris waren eher noch gemütliche Ausrolltage, die glücklicherweise das Auto nicht mehr allzu viel belastet haben.

Trotzdem hatten wir erneut mit Lenkungsproblemen zu kämpfen, was die Fahrt anstrengender gestaltet hatte, als es notwendig gewesen wäre. Sinnbildlich für die Rallye und die Probleme die wir am Auto hatten war, als kurz vor Paris unser Schalthebelknauf entzwei brach. Abgesehen davon konnten wir aber mehr oder weniger sorgenfrei unsere letzten paar hundert Kilometer zurücklegen.allye

Als wir endlich in Paris angekommen sind, war die Erleichterung riesig und die Freude überschwänglich. Wir haben es geschafft! Wir sind mit einem 50jährigen Auto von Peking nach Paris gefahren! Das Ziel hatte man auf dem Place Vendôme aufgebaut, der extra wegen des Events für den restlichen Verkehr gesperrt wurde. Am Abend wurde die Ankunft mit einem Galadinner gefeiert. Rallye-Teilnehmer mit Familie und Freunden, alle waren im Smoking beziehungsweise Abendkleid gekleidet und genossen das Dinner mit der Preisverleihung. Es war ein sehr schöner und gelungener Abschluss.

IMG_2216Wenn ich nun Zuhause sitze und versuche, über das, was wir in den 36 Rallye-Tagen erlebt haben, einen Schlussbericht zu schreiben, realisiere ich, wie schwierig das mir fällt. Die physischen sowie auch die psychischen Belastungen sitzen noch tief und ich stelle mir eine Frage: Warum wagt man überhaupt eine solche Reise? Man fährt in einem Oldtimer von Peking nach Paris; ganz realistisch betrachtet, ist das eine absolut verrückte Idee. Nun, da wir die Rallye beendet haben, und ich mit ein wenig Abstand über das Erlebte nachdenken kann, würde ich die Peking-to-Paris-Rallye wie folgt beschreiben: Bei dieser Fernfahrt wird schnell gefahren, sie ist äusserst anstrengend und – ich kann dies heute eingestehen – sie ist auch gefährlich. Unfälle gab es zur Genüge. Glücklicherweise verhinderten die getroffenen Sicherheitsvorkehrungen – wie zum Beispiel Überrollbügel oder Sicherheitskäfige sowie Vier-Punkte-Gurte – fast immer Schlimmeres.

Man wird für gut 7 Wochen – inklusive den Vorbereitungstagen vor und den Erholungstagen nach der Rallye – aus dem realen Leben gerissen und taucht in eine Welt – ja fast schon eine Blase – ein, in der es grundsätzlich und fast ausschliesslich darum geht durchzuhalten und jeweils rechtzeitig anzukommen. Alles was sich ausserhalb dieser Blase abspielt wird kaum wahrgenommen. Als Beispiele kann ich den Brexit oder die Fussball-Europameisterschaft benennen. Ein paar Meldungen kamen zwar zu uns durch, aber sich damit auseinanderzusetzen, war kaum möglich.

IMG_2229Eine Sache, die mir nicht bewusst war, ist, dass man kaum die Zeit hat, die wunderschöne Landschaft oder Atmosphäre zu geniessen. Wenn ich meine Augen schliesse, dann denke ich nicht an die atemberaubende Landschaft sondern ich sehe Waschbrettstrassen, Felsbrocken auf der Piste und wie aus dem nichts auftauchende Schlaglöcher. Dabei empfinde ich erneut die Sorge, ob unser Volvo wohl das Tagesziel erreichen würde. Nach langen Reparaturarbeiten bis tief in die Nacht fiel man jeweils todmüde ins Bett, um am nächsten Morgen früh wieder aufzustehen und den kommenden Tag in Angriff zu nehmen. Bis zum Mittag schafft man es noch die Probleme auszublenden, doch schon am Nachmittag sind sie meist schon so gravierend, dass man nur noch versuchen kann, sich bis ins Tagesziel zu retten.

Diese Dauerbelastung bringt Fahrer und Beifahrer an ihre Grenzen. Man verbringt mit seinem Partner 36 Tage auf engstem Raum. Den ganzen Tag sitzt man im Auto und in der Nacht schläft man oft im selben Zimmer. Wenn man dann zusätzlich noch mit technischen oder gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat, liegen oft die Nerven blank und es fallen unschöne Worte. Es ist vorgekommen, dass einer der Partner während der Rallye sitzen gelassen wird – es soll schon Scheidungen gegeben haben.

Die Dauerbelastung hat allerdings auch einen guten Effekt. Da es allen Teilnehmern so ergeht, versucht man sich gegenseitig aufzumuntern und sich zu unterstützen. In meinem Fall hatte sich eine Gruppe mit den unter 30-Jährigen gebildet, die sich gegenseitig angespornt und aufgestellt hat. Alle waren entweder mit ihrem Vater oder der Mutter unterwegs. Dadurch konnte man sich gut in den anderen hineinversetzen und ihm oder ihr zur Seite stehen, wenn der Druck zu gross zu werden schien. In solchen Gruppen war es auch möglich, sich kurzzeitig auszuklinken beziehungsweise neu Kräfte zu sammeln. Dies war allerdings nicht nur unter den jüngeren Teilnehmern der Fall. Die allgemeine Hilfsbereitschaft im Teilnehmerfeld war überwältigend. Man zog sich gegenseitig aus Schlamm oder Sand, half sich gegenseitig bei der Reparatur der Autos oder sprach sich einfach nur gegenseitig Mut zu. Man ist als eine grosse Familie zusammengewachsen.

Auch wird mir die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung in Erinnerung bleiben – die mich besonders in Russland und Asien zutiefst beeindruckt hat. Wenn man am Strassenrad stecken blieb, dauerte es nicht lange, bis jemand anhielt und sein Bestes gab, um bei Problemen zu helfen.

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Zum Abschluss möchte ich erwähnen was für eine aussergewöhnliche Leistung erbracht wurde, damit diese Rallye überhaupt stattfinden konnte. Die Organisation eines solchen Events muss unvorstellbar gross sein. In jedem Etappenort müssen zirka 300 Leute – 200 Rallyeteilnehmer Rallyeleitung, Mechanikerteam, Ärzteteam und lokale Hilfskräfte – untergebracht und verpflegt werden. Dazu müssen auch die 150 Autos der Teilnehmer geparkt und bewacht werden. Es müssen auch Reparaturwerkstätten und Tankstellen erreichbar sein. Alles in allem ist dies eine Riesenleistung! Der grösste Applaus gebührt aber den Sweeps, die technischen Hilfskräfte! Sie haben das Unmögliche möglich gemacht. Ohne sie wären viele nicht nach Paris gekommen. Mit ihrer freundlichen Unterstützung und ihrer Geduld haben sie nicht nur das Auto repariert sondern sogar mich im Eilverfahren zum Mechaniker für unseren Volvo PV544 ausgebildet.

Und ich möchte diese Gelegenheit natürlich auch nutzen und meinem Vater danken. Ohne ihn und seinen Traum diese Rallye zu bestreiten, wäre es mir nicht möglich gewesen dieses Abenteuer miterleben zu dürfen. Ich fühle mich äusserst geehrt und bin stolz darauf, diese Herausforderung gemeinsam mit meinem Vater als Team geschafft zu haben.

Herzliche Grüsse an alle die unsere Reise von zu Hause aus mitverfolgt haben. Es war eine der besten und gleichzeitig grössten Herausforderungen meines Lebens.

Philipp Schenk

#pekingtoparis #pekingtoparis2016