DAS GLÜCK KENNT VIELERLEI FACETTEN

Mit Streckenrekord siegt der Italiener Simone Faggioli einmal mehr beim Bergklassiker von St. Ursanne nach Les Rangiers. Bester Schweizer wird Marcel Steiner als glücklicher Dritter.

Marcel Steiner (oben) verlor zwar viel Zeit auf den Sieger Simone Faggioli (unten li), erreichte aber dennoch sein heuer wertvollstes Saisonresultat. © TeamBeyou

Auf einer um 11 Meter verlängerten Strecke traf die Schweizer Elite der Bergrennfahrer auf die europäische Spitze. Grundsätzlich brauchen sich die einheimischen Spitzenfahrer nicht zu verstecken; dennoch ist es jeweils ein  knallharter Vergleich für die Gastgeber. Letzter Sieger war der Berner Marcel Steiner 2010 und 2011. Zuletzt hatte im Kanton Jura jeweils der Italiener Simone
Faggioli dominiert. Seit 2012 ist er auf der schnellsten Bergstrecke Europas ungeschlagen.

So auch in diesem Jahr.  
Faggioli wurde seiner Favoritenrolle vollauf gerecht und liess sich weder von seinen ärgsten Widersachern, David Hauser und Christian Merli, noch vom Berner Marcel Steiner die Butter vom Brot nehmen. In Rekordzeit von 1:42,118, was einem unfassbaren Mittel von 182.6 km/h entspricht, jagte der 38-Jährige aus Florenz den «Hügel» hinauf und siegte derlei zum fünften Mal in Serie. Total aus beiden Läufen mehr als 11 Sekunden vor dem 26-jährigen Luxemburger Hauser und mehr als 18 Sekunden vor dem Berner Marcel Steiner.

 


Kuriose Verhältnisse
Die Wetterbedingungen spielten freilich ziemlich verrückt an diesem Wochenende: Zwei von drei Trainingsläufen fanden bei Nässe statt. «Da wird es schwierig, das Auto optimal einzustellen, wenn es am nächsten Tag, wenn dann das Rennen stattfindet, tendenziell trocken ist», sagt Marcel Steiner. Der Oberdiessbacher hatte im ersten Rennlauf insofern Glück, als dass just, als er an Reihe war, relativ gute Bedingungen herrschten. In der Nacht auf Sonntag hatte es geregnet, sodass die Erststartenden des riesigen Rennwagen-Feldes im Wald noch eine feuchte Strecke vorfanden. Dadurch zog sich der Lauf extrem in die Länge. «Die Strecke trocknete dann zusehends ab», so Steiner. Als er an der Reihe war herrschte  «le soleil». Die letzten Konkurrenten wurden auf ihren Slicks dann aber wieder von einem Platzregen überrascht. «Es war wirklich kurios.» Derlei konnte sich Steiner nach Lauf 1 nur einen Zehntel hinter dem Italiener Christan Merli und eine Sekunde vor dem Walliser Joël Volluz auf Rang drei einreihen.

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Riesenglück im Unglück
Lauf zwei wurde dann überschattet vom schweren Unfall von Volluz. «Keine Ahnung, warum er so viel Risikon nahm», sagt Steiner. Volluz schlug in der berüchtigten Kurve von Les Grippons mit weit über 200 km/h ein. Marcel Steiner kann ein Lied von so etwas singen: ihn hatte es 2012 an fast der gleichen Stelle erwischt. Mit 230 km/h raste er damals in seinem Osella FA 30 Zytek dem Ziel entgegen. Es war eine schnelle Kurvenkombination mit einer Bodenwelle. Im Training fuhr der Oberdiessbacher die Passage im 5. Gang. An dem Tag wählte er aber den 6. Vielleicht war es dieses Detail, das zum Unfall führte. «Plötzlich war die Strasse einfach zu eng», erinnert er sich. Mit dem linken Rad rammte er eine Strohballe. Wie ein Geschoss wurde der Wagen in die Luft katapultiert. 50 Meter weit flog der Bolide und zum Stillstand kam er erst nach 150 Metern. Steiner hat den Unfall ohne Verletzung überstanden. Sein Rennauto war Schrott. Genau so wie das von Joël Volluz. Und: Der Walliser hatte, genau wie Marcel Steiner, unglaubliches Glück im Unglück. «Ich habe ihm schon am Sonntag und später auch am Montag zu seinem zweiten Geburtstag gratuliert», sagt Steiner.  Volluz feierte am Montag seinen 25. Geburtstag.  Dass er diesen mit «nur» zahlreichen blauen Flecken und Prellungen feiern durfte, kann angesichts der Heftigkeit des Einschlags als riesiges Geschenk betrachtet werden. «Ich fühle mich wie ein 90-Jähriger», hatte Volluz seinem Kollegen am Montag geschrieben. Das Auto habe in der Kurve aufgesetzt und sei dadurch unkontrollierbar geworden, so Volluz zum Unfall. Es ist anzunehmen, dass der Walliser total ans Limit ging, um den Rückstand aus dem ersten Lauf, den ihm das Wetter eingebrockt hatte, wettzumachen.

Bedingt zufrieden
Für Marcel Steiner, den Schweizer Bergmeister der Jahre 2010 bis 2012, blieb so «finalement» der vierte Schlussrang. «Ein Superresultat natürlich», sagt der Gargier. Ein Ergebnis freilich, das ihn nur bedingt glücklich macht. Zum einen ist da der Unfall seines Kollegen, von dem er profitierte, zum andern «sind wir mit der Leistung des Autos nicht zufrieden». Geradeaus, stimme der Topspeed. In den Kurven hingegen fehle es an der nötigen Perfomance. «Nur geradeaus gewinnt man aber keine Bergrennen.» Das völlig neu vom weissen Blatt Papier zum fertigen Rennwagen aufgebaute Auto, der LobArt-Mugen, steckt in dem Sinn noch in den Kinderschuhen. «Das sollte aber nun von Rennen zu Rennen besser werden.» Das Ziel ist es, da anzuknüpfen, wo man als Steinermotorsport 2012 aufgehört hatte – zuoberst auf dem Podest.

Schon fast zuhause
Kein alltägliches Rennweekend hat auch der Aargauer Reto Meisel hinter sich. Im ersten Trainingslauf rollte sein Mercedes SLK 340 nach gut 100 Metern aus. «Wir vermuteten einen Motorschaden und machten uns auf die Heimreise.» Unterwegs, als man den Grund näher untersuchte, habe sich dann rausgestellt, dass es am Starter-System lag. Darum sei man wieder umgekehrt. Am Samstagabend kam man so wieder in Les Rangiers an. Aufgrund seiner bemerkenswerten Erfolgsliste, seiner grossen Erfahrung und dem Fakt, dass er als Rekordhalter die Strecke in Les Rangiers «ziemlich» gut im Griff hat, liess die Jury Meisel ohne Traingsfahrt starten. Etwas, das so grundsätzlich nicht erlaubt wäre. Im Fall des «Meisters» jedoch, war die Ausnahme angebracht. Nicht volle Kanne am Gaspedal, auch der Wetterkapriolen wegen, fuhr Meisel im ersten Lauf eine solide Zeit von 2:08. Im zweiten Lauf liess er es dann krachen und knallte mit 2:00,085 120 Stern-Sekunden auf den Asphalt. Klare Bestzeit bei den Tourenwagen und in dem Sinn null  Ärger darob, dass letztlich ein «Muckenfurz» fehlte, um unter der 2-Minuten-Marke zu bleiben. Hill-Climb-Europameister Ronnie Bratschi musste sich letztlich mit 0.24 Sekunden Rückstand geschlagen geben. «Ich musste den ersten Lauf praktisch im Ziel abbrechen und wiederholen», so der Urner Hill-Climb-Europameister. Das sei natürlich nur subobtimal gewesen fürs Material.