EINIGUNG BEI VW

Nachdem VW in mehreren Werken die Produktion unterbrechen musste, hat man eine Einigung mit den fraglichen Zulieferern erzielen können.

Während mehreren Tagen standen in diversen Werken von Volkswagen vergangene Woche die Bänder still (siehe AR 34/2016). Nach einem Rechtsstreit mit den zwei Zulieferern Car Trim GmbH und ES Automobilguss GmbH blieben von diesen beiden Firmen während mehreren Tagen die Lieferungen aus. Die Verhandlungen der Geschäftspartner waren aber offenbar erfolgreich und es konnte eine Einigung erzielt werden.
Obwohl von offizieller Seite keine Einzelheiten zu den Verhandlungen und ihren Resultaten bekannt gegeben wurden, sind dennoch einige Details durchgesickert. So wurde die Lieferung der dringend benötigten Teile wieder aufgenommen, der Vertrag für die Zusammenarbeit verlängert und auf Forderungen nach Schadenersatz verzichtet.


Hintergründe
Was waren die Hintergründe des Streites? Offenbar hatte Volkswagen dem sächsischen Unternehmen Car Trim GmbH, das Sitzbezüge liefert, einen bereits erteilten Auftrag wieder gekündigt. Da man aber bereits Investitionen getätigt hatte, um die vereinbarten Teile zu fertigen, stellte Car Trim eine Forderung auf Schadenersatz in der Höhe von 58 Millionen Euro. VW sah die Forderungen als unbegründet an und weigerte sich, den Betrag zu bezahlen. Um Druck auf den Hersteller auszüben, stellte Car Trim jegliche Teilelieferungen nach Wolfsburg ein. Aber nicht bloss das. Seit April 2016 ist Car Trim eine Tochter der, ebenfalls in Wolfsburg beheimateten Prevent DEV GmbH – genauso wie ES Automobilguss. Das Mutterhaus, Prevent also, sorgte nun dafür, dass Volkwagen auch von ES Autoguss keine Bauteile mehr geliefert bekam. Während man für die Sitzbezüge von Car Trim noch Ausweichmöglichkeiten in Form von anderen Lieferanten hatte, gab es für die Getriebeteile von ES Autoguss keine Alternative – und die Werke und die Produktion in den Werken in Emden, Wolfsburg, Zwickau, Kassel, Salzgitter und Braunschweig musste teilweise unterbrochen werden, wovon über 27 000 Mitarbeiter betroffen waren.
Wie VW mitteilte sei es in fünf der sechs betroffenen Werke nicht nötig, auf Kurzarbeit umzustellen. Während Kassel und Salzgitter die Produktion unverzüglich wieder aufnehmen konnten, können Wolfsburg, Zwickau und Braunschweig die Lieferengpässe anderweitig überbrücken. Bloss das Werk in Emden, welches den Passat fertigt, musste Kurzarbeit beantragen.
Mit der Einigung, die Volkswagen und Prevent erzielt haben, darf der Hersteller seine Teile in Zukunft auch anderswo einkaufen. Für die Getriebeteile, die VW nun wegen dem Lieferstopp gefehlt hatten, darf man sich noch andere Lieferanten suchen, solange weiterhin mindestens 80 % bei Prevent bezogen werden. Diese, in der Branche nicht unübliche Praxis, vermindert das Risiko, wegen Ausfällen von einem Lieferanten, sei dies weil dieser nicht liefern kann oder will, einen Produktionsstopp zu erleiden.


Vorwürfe
Die deutsche Industriegewerkschaft IG Metall erhebt schwere Vorwürfe gegen Prevent. Nach Auffassung der Gewerkschaft sei der kurzfristige Profit des Finanzinvestors, also der Prevent-Gruppe, im Vordergrund gestanden, bei der Entscheidung die Teilelieferungen zu blockieren, wodurch man die Beschäftigung der Mitarbeiter und die nachhaltige Unternehmensentwicklung von ES Automobilguss und Car Trim gefährdet habe. Die beiden Firmen seien vor der, erst in den letzten Monaten erfolgten, Übernahme durch die Prevent während Jahrzehnten verlässliche Zulieferer von VW gewesen.
Aber auch den Hersteller nimmt die IG Metall in die Pflicht. Das Drücken des Preises und hohe Spannungen bei der Vergabe von Aufträgen an die Zulieferer behindere die Innovationskraft und verursache einen Mangel an Ressourcen, die für eine Entwicklung der Unternehmen nötig wäre.
Geht es um mehr?
Der kleine sächsische Zulieferer Car Trim also, der als David den Wolfsburger Milliarden-Konzern in die Knie zwingt, weil dieser sich nicht an Verträge hält? Möglicherweise ist die Geschichte nicht ganz so heroisch. Denn Gerüchten zufolge könnte es beim Streit zwischen Volkswagen und Prevent um mehr gehen, als bloss um den zurückgezogenen Auftrag an Car Trim. Die Prevent-Gruppe, die vom Bosnier Nijaz Hastor gegründet wurde und deren deutscher Ableger von seinen zwei Söhnen geführt wird, ist nicht limitiert auf die Automobilindustrie sondern hält Firmen aus diversen Sparten, von Mode bis Möbel. Zusammen mit der Schwesterfirma ASA Holding ist sie laut eigenen Angaben die grösste privat gehaltene Firma in Bosnien und Herzegowina und mit über 6500 Angestellten überhaupt einer der grössten Arbeitgeber des Landes.
Zudem ist die ASA Prevent Holding bis anhin auch Verantwortlich für den Import von Porsche im gesamten Balkan. Porsche will dies in Zukunft selber übernehmen, was für ASA Prevent durch den Wegfall dieses Geschäftes einen Gewinn-einbruch zur Folge haben wird.
Berichten zufolge soll auch Daimler mit gegen Prevent vor Gericht stehen, da der Zulieferer Schadensersatzklagen in Millionenhöhe geltend machen will – ebenfalls wegen gekündigten Verträgen.