VIELLEICHT IST BEREITS MORGEN ALLES ANDERS

Sind die Verkehrsteilnehmer untereinander sowie mit der In­frastruktur vernetzt, kann man die Verkehtröme besser lenken und optimieren. Mit solchen Thesen befasste sich das 17. Asut-Kolloquium in Bern.

Schon auf dem Autosalon Genf 2014 präsentierte Rinspeed des Schweizer Autopioniers Frank M. Rinderknecht als Weltpremiere die Studie «XchangE». Das Auto wird definitiv zu Büro und Wohnzimmer. © Rinspeed

Zur Veranstaltung mit dem Titel «Mobilitätsstadt Schweiz» hatte der Schweizerische Verband der Telekommunikation (Asut) zusammen mit dem Touring Club Schweiz (TCS) und der Schweizerischen ­Verkehrstelematik-Plattform (its-ch) geladen. Insgesamt rund 400 Gäste lies­sen sich im Kursaal Bern von zahlreichen Referenten über eine mögliche Zukunft der Mobilität weltweit und insbesondere auch in der Schweiz orientieren.
Bei den Referaten – obwohl diese Materie immer stärker verflochten ist, fokussieren wir uns hier aus gegebenem Grund auf die Beiträge zum Strassenverkehr – kristallisierte sich rasch heraus, wie stark eine vernetzte Mobilität und das autonome Fahren miteinander verknüpft sind. Das autonome Fahren ist ein Teil der vernetzten Mobilität, bei der die Fahrzeuge untereinander kommunizieren, aber auch der Verkehrsinfrastruktur, der diversen Serviceangebote und der Mobilitätsdienstleister.

Spezialist für Innovationen
Einer der Experten war Wilfried J. Steffen, vormaliger Leiter Business Innovation bei Daimler und heute freier Innovationsberater. Steffen, er war unter anderem von 2000 bis 2003 CEO der da­maligen DaimlerChrysler Schweiz AG, stellte in seinem Vortrag rasch klar, dass «die neue automobile Welt verbunden, autonom, geteilt (Car-Sharing) und elektrisch ist».
Steffen betonte, dass die Autoindustrie von globalen Trends getrieben werde, einer der stärksten sei die Urbanisierung. Er äusserte sich auch über die Digitalisierung, welche zunehmend in die Ausgestaltung heutiger Autos eingreife. «Dies wird sie in der Zukunft noch verstärkter tun», meinte Steffen. Bereits heute sei ein Auto ohne digitale Vernetzung nicht vorstellbar.

Wilfried J. Steffen war bei Daimler für das Thema Innovation verantwortlich. Auf dem Asut-Kolloquium orientierte er über die Aktivitäten der Autokonzerne für eine Mobilität in der Zukunft. © M. Mäder
Wilfried J. Steffen war bei Daimler für das Thema Innovation verantwortlich. Auf dem Asut-Kolloquium orientierte er über die Aktivitäten der Autokonzerne für eine Mobilität in der Zukunft. © M. Mäder

Autobesitz neu definieren
Für den Ex-Daimler-Manager ermöglicht die Digitalisierung neue Geschäftsmodelle, welche nicht zuletzt auch die Autohersteller bedrängten: «Bereits heute verfolgen die Autokonzerne eine Ab­sicherungsstrategie, indem sie selbst innovative Produkte und Dienstleistungen entwickeln.» Einer dieser Bereiche neuer Aktivitäten sei das Car-Sharing. «Der Begriff Autobesitz wird neu definiert werden», erklärte Steffen.
Die neue Devise heisse «teilen, statt besitzen», sagte Steffen. Die Maxime laute «sharing is the new owning». Gemäss Steffen rechnen Experten künftig mit einem Sharing-Anteil von 30 bis 40 Prozent. Um aber Car-Sharing überhaupt rentabel zu betreiben, braucht es für ihn eine kritische Masse von 500 000 Nutzern. Eine gemäss Steffen «eher konservativ angesetzte» Hochrechnung von Analysten erwartet für diese Branche einen Gesamtumsatz von 5 Milliarden Euro bei 35 Millionen regelmässigen Nutzern.

Autonom bringt Wachstum
Wilfried J. Steffen identifizierte für die Zukunft eine eigentliche Wachstumsbranche: das autonome Fahren. Wie er ausführte, rechnet die US-Unternehmensberatung McKinsey & Co. damit, dass bis 2030 15 Prozent der Autos autonom fahren werden. Es entstehen laut Steffen aber auch immer neue Geschäftsfelder. «Neue Kundensegmente kommen hinzu wie etwa Kinder, Senioren oder Menschen mit Handicap.»
Steffen stellte zudem klar, dass nicht das autonome Fahren die Autohersteller bedroht – laut Studien soll ­dadurch der Fahrzeugbestand schrumpfen –, sondern fehlende oder uneinheitliche Standards. Dafür bedränge das autonome Fahren verschiedene Bereiche und Tätigkeiten, so etwa Berufe wie Taxifahrer oder Bus-Chauffeure. Dies werde dadurch gefördert, dass durch die parallel einhergehende Digitalisierung immer mehr Dienstleistungen und Angebote verknüpft seien.

Das Mercedes-Benz-Forschungsfahrzeug «F 015 Luxury in Motion» von 2015 kann unter anderem voll autonom fahren. © Mercedes-Benz
Das Mercedes-Benz-Forschungsfahrzeug «F 015 Luxury in Motion» von 2015 kann unter anderem voll autonom fahren. © Mercedes-Benz

Autokonzerne werden aktiv
In diesem Zusammenhang verwies Steffen, der bei Daimler als Leiter des Bereichs Business Innovation die Suche und Entwicklung nach neuen Geschäftsmodellen verantwortet hatte, auf diverse Aktivitäten der Autohersteller. Mit diesen Investitionen und Partnerschaften wollten die Autokonzerne nicht zuletzt ihr klassisches Geschäft sichern. Als Beispiel nannte Steffen den Einstieg Toyotas beim Fahrdienstvermittler Uber. Ferner verwies er auf Zirx (heute Stratim), ein Valet-Parking-Start-up aus San Francisco (USA), in das BMW 2015 eine zweistellige Millionensumme inves­tierte.
«Gerade die Autohersteller sind gute Start-ups oder sind für diese ideale Partner. Sie sind offener denn je und verfügen über die notwendigen Mittel», so Steffen. Auch böten sie ein Umfeld, wo man Ideen sofort umsetzen und austesten könne. Auf die an der Tagung gestellte Frage, ob sich die Autoindustrie verändern muss, antwortete Wilfried J. Steffen: «Das ist die falsche Frage, denn sie ist schon mittendrin.»

Kommt die Autowende?
Einer der Referenten am 17. Asut-Kolloquium in Bern war Jörg Beckmann, Direktor der TCS-Mobilitätsakademie. Er sprach unter dem Titel «Die Autowende – elek­trisch und kollaborativ in die Zukunft des Verkehr» über die drei grossen «D»: Deprivatisierung, Demotorisierung und Dekarbonisierung. Bei seinen Ausführungen zur Dekarbonisierung ging es um die aktuelle Elektrifizierung des Verkehrs. Laut Beckmann gibt es heute in der Schweiz rund 10 000 Steckerfahrzeuge, und bis 2020 wird ihre Zahl 100 000 Einheiten erreichen.
Hinter der Deprivatisierung verbirgt sich für Beckmann die wachsende Rolle der Sharing Economy. Der Besitz eines Fahrzeugs werde an Bedeutung verlieren. Dabei positionieren sich die neuen Sharing-Anbieter in der Lücke zwischen dem privaten Individualverkehr und dem kollektiven Verkehr. Unter Demotorisierung versteht Beckmann, dass gerade in urbanen Regionen mehr Wege zu Fuss oder mit dem Velo zurückgelegt werden. Im Zusammenhang mit einer parallel stattfindenden Dekarbonisierung präsentierte er «das alternative Stadtfahrzeug der Zukunft»: ein elektrisches Lastenvelo.

Jörg Beckmann von der TCS-Mobilitätsakademie berichtete vom Wandel, den das Auto durchmacht. Auch propagierte er Elektro-Cargobikes als künftiges Transportmittel in der City. © M. Mäder
Jörg Beckmann von der TCS-Mobilitätsakademie berichtete vom Wandel, den das Auto durchmacht. Auch propagierte er Elektro-Cargobikes als künftiges Transportmittel in der City. © M. Mäder

Cargobike im Trend
«Laut einer EU-Studie kann in europäischen Städten die Hälfte aller motorisierten Gütertransporte per Auto oder Lieferwagen mit Cargo-Bikes getätigt werden», zeigte Beckmann das offenbar mögliche Potenzial solcher Lastenvelos auf. Mit dem Dienst «carvelo2go» hatte die Mobilitätsakademie zusammen mit Partnern einen Sharing-Dienst für diese Spezialfahrräder lanciert. Nachdem dieser in Bern und weiteren Ortschaften erprobt wurde, will man nun auf weitere Schweizer Grossstädte expandieren.
In seinen Ausführungen ging Beckmann auch auf das autonome Fahren sowie auf den Wandel ein, welcher das Auto derzeit durchmacht. So sei es im Begriff, von «einer vom Fahrer gelenkten Verbrennungsmaschine in Privatbesitz» zu einem «selbststeuernden, gemeinschaftlich genutzten, elektrischen Endgerät als Serviceangebot aus der Hand eines Flottenbetreibers» zu werden. Begleitfaktoren wie etwa Parkplätze, Tankstellen, Fahrschulen, Motorfahrzeugkontrollen, Waschstrassen oder auch Blutproben oder Autoschlüssel seien ebenfalls dieser Transformation unterworfen.

Weniger Parkplätze
«In Lissabon würden 90 % der Parkplätze wegfallen, wenn sämtliche Autos autonom betrieben würden», sagte Jörg Beckmann. In einem voll automatisierten Verkehystem mit völlig autonom fahrenden Fahrzeugen könnten laut dem Direktor der Mobilitätsakademie TCS 42 % der Fahrzeuge ersetzt werden. Weitere Zahlen, die Beckmann in seinem Vortrag anführte, waren «–18» und «75+». Hiermit wollte er aufzeigen, dass von einer komplett automatisierten Mobilität insbesondere jüngere Menschen sowie Senioren profitieren würden.
Um über die Entwicklungen beim autonomen Fahren zu informieren, hat die Mobilitätsakademie im Auftrag des TCS und des Bundesamts für Strassen (Astra) das Webportal «auto-mat.ch» ins Leben gerufen. Diese Online-Plattform soll laut Beckmann Anlaufstation für alle möglichen Aspekte rund um das autonome Fahren sein. Astra-Direktor Jürg Röthlisberger begründete das Engagement des Bundesamts damit, dass das Astra «an der durch das autonome Fahren möglichen Verflüssigung des Verkehrs sehr interessiert ist».

Politik wurde überrollt
FDP-Nationalrat Thierry Burkart vertrat am Asut-Kolloquium die Politik. Das Mitglied der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen (KVF) forderte, dass sich die Verkehrspolitik «sehr bald neu ausrichten müsse, um nicht zum Bremsklotz zu werden». Neue Formen der Mobilität wie das Sharing haben laut Burkart die Politik überrollt und diese sei nun gefordert, das autonome Fahren zu ermöglichen. «Es ist nicht jeder Verkehrsträger jederzeit der richtige Verkehrsträger, deshalb wird eine vernetzte Mobilität immer wie wichtiger», sagte Burkart.
In diesem Zusammenhang sei auch die Abgrenzung zwischen privatem und öffentlichem Verkehr neu zu definieren. Auch müsse die öffentliche Hand ihre Aufgabe überdenken. Dies betreffe zum Beispiel auch deren Monopole und die Praxis der Konzessionierung. «Wie ist mit jemandem zu verfahren, der sein Fahrzeug nicht mehr exklusiv für sich selbst nutzt, sondern mit anderen teilt?», formulierte der FDP-Politiker eine der anstehenden Fragen. Oder wie sieht es mit der Versicherung beim Car-Sharing aus? Und benötigt man künftig überhaupt noch einen Führerausweis?