SIE SORGEN FÜR FARBE IN DER FORMEL 1

Die Formel-1-Saison startet am Wochenende in Australien. Eine Saison, die viel Neues, Spannendes und hoffentlich auch Packendes bringen wird. Der Kreis der Titelkandidaten ist auch 2017 sehr, sehr eingeschränkt.

©Red Bull

Erstmals seit 40 Jahren hat Bernie Ecclestones Wort in der Formel 1 kein Gewicht mehr. Als Liberty Media die motorsportliche Königsklasse übernahm, wurde  Ecclestone noch eine dreijährige Übergangsphase als Geschäftsführer in Aussicht gestellt. Doch schnell wurde den neuen Besitzern klar, wie rückwärtsgewandt und unmodern Ecclestone zuletzt führte. Der neue Boss Chase Carey beendete so kurzerhand  die «One-Man-Show» seines Vorgängers und installierte Ross Brawn als Sport-Chef sowie den ehemaligen ESPN-Manager Sean Bratches als Chef für Marketingfragen. Mehr Rennen, mehr Show, mehr Racing durch ausgeglichenere und gedeckelte Budgets, mehr Präsenz auf Social-Media-Kanälen, mehr Fans an der Strecke, zahlbarere Tickets – das sind grosso modo die Ziele der neuen Besitzer. Bis das meiste davon Realität werden kann, dauert es indes noch. Das aktuelle Concorde-Abkommen, eine Art Grundlagenvertrag zwischen der Formel-1-Gruppe und den Teams, läuft noch bis 2020. Insofern wird sich zeigen, ob die neue Saison spannender wird, als die letzten drei seit der Einführung des Hybrid-Motors anno 2014.

Bulliger und aggressiver

Schneller, tiefer, breiter, mehr Abtrieb, viel höhere Kurvengeschwindigkeiten, viel schnellere Rundenzeiten, lauter und auch sonst ganz anders – die Formel 1 zeigt sich 2017 von einer neuen Seite. Die Veränderungen an den jetzt bulligeren Autos (s. Text auf dieser Seite) fällt selbst dem auf, der bislang das Gefühl hatte, «Formel 1» sei eine Jeans-Marke. Ross Brawn dämpft jedoch die Hoffnung auf mehr Spannung: «Für mich bleibt Mercedes der klare Favorit, trotz den vielen Änderungen im Reglement.» Und weshalb? «Weil Mercedes so stark ist und über so viele Ressourcen verfügt, dass sie auf jede Änderung am schnellsten und effektivsten reagieren können.» Von Rennen zu Rennen werden die Teams fortan dazulernen und auf der  Klaviatur der Ingenieurskunst und nach der Partitur, die das Reglement vorgibt, Motor- und Aerodynamik ständig entwickeln. Es ist ein tiefgreifender Relaunch, den die Formel 1 vollzieht – einer der tiefgreifendsten in ihrer 67-jährigen Geschichte. Allein darin liegt gegenüber der letzten Jahre viel Spannungspotenzial.

©Jerry Andre

Hamilton, das Tier

Wenn es nach dem Papier geht, wird Mercedes also zum vierten Mal in Folge  Konstrukteursweltmeister und Lewis Hamilton zum vierten Mal Fahrerweltmeister. Der 32-jährige Brite ist fraglos einer der Besten «ever». «Ein Vollgas-Tier», wie der Österreicher Gerhard Berger sagt. Einer, der mit seiner koketten, aufgepinselten und für manche auch «kotzbrockigen» Art nicht nur die Liebe seiner Mitstreiter, der Fans und seiner Teamkollegen gewinnt. Freilich ist das im Fall von Hamilton definitiv auch Selbstschutz. Der Mann, der 188 GP auf dem Buckel hat, 53 davon gewann und 61-mal auf dem Podest stand, gehört auch zu den feinfühligsten und sensibelsten im Zirkus. Allein, diese Seite von ihm gehört jenen wenigen, mit denen er sie teilen will. Ganz bestimmt jedoch gehört sie nicht in die fetzende und hartgesottene Formel-1-Welt voller Neider, Blender und Egozentriker. Eine Welt, in der es dir gnadenlos an den Kragen geht, wenn du dich nicht selbst schützt und dich gegebenenfalls wie in der Tierwelt aufblusterst, um die Konkurrenz zu beeindrucken. Da ist der kokette Trendsetter eine ganz gute Komplementär-Rolle für Hamilton neben dem fightenden Rennfahrer und dem feinfühligen Privatmensch. «Verliere nie den Glauben an dich», sagt der Brite. Und: «Ich habe es geschafft, weil ich gelernt habe, bis zum Umfallen zu kämpfen.» In der Tat: Wie sehr er fighten kann, zeigt er immer wieder im Cockpit. Nicht selten zum Unbill auch seiner eigenen Teamkollegen.

Nach dem Rücktritt von Titelverteidiger Nico Rosberg heisst dieser Kamerad nun Valtteri Bottas. Wie sehr kann der 27-jährige Finne dem dreifachen Weltmeister einheizen? Eine Frage, die zu den Top Ten vor dem ersten Rennen in Melbourne (AUS) gehört. «Ich kann viel mehr gewinnen als verlieren», sagt der fliegende Sumoi. Und: «Ich werde liefern.» Davon darf man absolut ausgehen. Wenn Hamilton anfangs vor ihm sei, sagt Bottas, störe ihn das nicht. Aber er gehe davon aus, dass die «Lernkurve steil verläuft». Wetten, dass es in dem Sinn zwischen den Sternen auch heuer hie und da heiter zu und her gehen wird?

Saftey-Car kann viel bewegen

Wenn alles einigermassen nach Fahrplan verläuft, dann legt Lewis Hamilton ein Solo aufs Parkett, und ihm ist WM-Titel Nummer vier so gut wie sicher. Freilich gibt es da auf diese Saison hin auch eine Änderung, die weit mehr als alle anderen für Unvorhergesehenes, Spannung und Überraschung sorgen kann. Nämlich die, dass neu nach einem Saftey-Car nicht mehr fliegend, sondern wie zu Beginn eines Rennens, stehend gestartet wird – und das unter deutlich erschwerten Voraussetzungen. Früher hatten die Fahrer auf dem Kupplungshebel zwischen 30 und 70 Prozent von dessen Weg den idealen Schleifpunkt und konnten das Ding nur «fallen lassen», wenn es losging. Das ist ein bisschen so, als ob die 10 mehr als die Hälfte der Zielscheibe im Schiessstand ausfüllen würde. Die Ingenieure haben das so eingestellt. Neu ist das nun nicht mehr der Fall.  «Jetzt müssen wir alles selbst machen», sagt Neo-Sauber-Pilot Pascal Wehrlein. «Wir müssen die Kupplung, wie bei einem Strassenauto, selbstständig den Gripverhältnissen anpassen.» Der ideale Punkt ist also viel, viel kleiner. «Um diesen idealen einen Millimeter auf einem Kupplungshebel mit 3 cm Spiel zu finden, ist sozusagen unmöglich.» Folglich können die Safety-Car-Phasen respektive die daraus resultierenden Re-Starts die Schlussrangliste eines jeden Grand Prix unter Umständen gewaltig beeinflussen. Just Lewis Hamilton gehörte zuletzt nicht eben zu den Königsstartern. Hamilton scheint sich dessen bewusst zu sein. Offenbar hat seine Mercedes-Equipe am Lenkrad des W08 einen speziellen Kupplungshebel verbaut. Er soll mit einer den Fingern angepassten Form das viel kniffligere Prozedere beim Losfahren unterstützen und für mehr Gefühl sorgen.

Red Bull vor Ferrari

Die Verfolger Nummer 1 und 2 von -Mercedes dürften auch heuer Ferrari und Red Bull werden. Wobei in sämtlichen irdischen Hemisphären die Impression dominiert, dass die Roten Bullen deutlich näher an den silbernen Sternen dran sind als die schwarzen Pferde aus Maranello (I). Mehrere Mercedes- Techniker haben auf diese Saison zu Red Bulls Motorenlieferant Renault transferiert. Interessant dabei: Letzte Saison gab es Gerüchte, wonach Mercedes via Ölkreislauf Additive ins Benzin «injektiert» haben soll. Quasi ein Doping also für Pferdestärken mit vier Rädern statt vier Beinen. Nun, man wird sehen, wie sehr die Bullen nun zu galoppieren beginnen. Denn: Der Motor bleibt auch nach der gewaltigen aerodynamischen Veränderung das Herzstück eines Formel-1-Autos. Viel mehr noch, als man trotz der Aerodynamik-Revolution und den damit verbundenen gigantischen Fliehkräften von bis zu 5 g, die fortan der extrem hohen Kurvengeschwindigkeit wegen auf die Fahrer wirken. Der Vollgasanteil steigt in den Rennen um rund 20 %. Damit wird die Motorenleistung sogar noch viel wichtiger als bislang. Auch Red-Bull-Boss Helmut Marko sieht das so: «Der Motor ist immer noch der entscheidende Faktor und darum bleibt Mercedes der grosse Favorit.» Indes, mit Design-Genie Adrian Newey haben die «Bullen» einen weiteren, starken Trumpf in ihrem Blatt. Der frühere Technische Direktor von Williams und McLaren kann bei so einem umfassenden Relaunch, wie er auf diese Saison stattfindet, sein Genie natürlich viel breiter und tiefer und geflügelter und somit wirkungsvoller an die «Rennkarre» bringen.

Mit dem Chef aus der Abteilung «Überholmanöver», Max Verstappen, sowie dem Chef aus der Abteilung der «Aus-dem-Schuh-Trinker», Daniel Ricciardo, sind da auch zwei Fahrer bei Red Bull, die das Potenzial zum Meister haben. «Ich glaube fest, dass es für mich 2017 möglich ist, Weltmeister zu werden», sagt Ricciardo. Immer stark, immer solid, immer nah dran und vierfacher Grand-Prix-Sieger – aber geklappt hat es bislang noch nie. Vielleicht trinkt der Mann aus Perth (AUS) heuer ja nicht nur aus seinem Schuh, sondern zaubert gleich noch einen Titel daraus. Spektakel-Prinz Verstappen seinerseits traut sich sowieso zu, den Mars vom Himmel zu holen, wenn das in einem Formel-1-Auto möglich wäre. «Er fährt immer mit ausgefahrenen Ellbogen und damit spektakulär», sagt Newey. Und «im Grenzbereich nahezu göttlich». Manchmal freilich auch zu rotzfrech für die Konkurrenz. Ein Stil, mit dem man viele Punkte gewinnen, aber auch viele verspielen und sich viel Ärger einhandeln kann. Dennoch lautet im Fall des Holländers die Frage: Kann er Sebastian Vettel in diesem Jahr als jüngster Weltmeister aller Zeiten ablösen? Verstappen: «Ich will Weltmeister werden – jüngster Weltmeister war nie mein Ziel.» Ein klare Ansage.

Sebastian Vettel beim Testen. ©mspb/Jean Pentin

Vettel wieder mit Lust

Bei Ferrari ist Teamchef Maurizio Arrivabene nach der suboptimalen letzten Saison in der Gunst von Präsident Sergio Marchionne in die Serie B abgestiegen. Mal sehen, ob es Technik-Chef Mattia Binotto, der punkto Sagen im Steigflug begriffen ist, besser macht. Auf jeden Fall ist die Nummer 1 am Lenkrad, der vierfache Weltmeister Sebastian Vettel, wieder motivierter an der Arbeit als auch schon. Platz vier im WM-Endklassement und null Siege waren 2016 nicht das Gelbe vom Ei aus Sicht des Wahlschweizers aus Kemmental TG. Michael Schumacher brauchte einst fünf Jahre, um seinen ersten Titel für Ferrari zu erobern. Vettel steht vor seinem dritten Jahr mit der Scuderia. «Ich will Ferrari so schnell wie möglich weiterbringen», sagt Vettel. Natürlich wärs ihm recht, wenn er auch noch einen Titel für die Marke mit dem grössten Renommee feiern könnte. Bei den Tests in Barcelona (E) waren die Roten stark. Allein: «Die Tests geben nur eine Grundidee – mit dem, was im Rennen abgeht, haben sie nicht sehr viel zu tun», sagt Vettel. Der 29-Jährige holte 2016 zwar keinen Sieg, gewann jedoch die Krone für den Chef-Meckerer. «Im Rennen bist du unter Adrenalin, da sagst du manchmal Dinge, die du sonst so nicht sagen würdest.» Befeuert wurde der Reigen der Kraftausdrücke von viel Frustration. Wenn du volle Kanne aufs Gaspedal drückst und der andere da vorn haut einfach ab, ist so was für einen wie Vettel nachvollziehbar nicht lustig. Verständlich. Auch wenn es 2017 für die Roten erneut schwer wird, ganz vorne zu «wiehern», machen Vettel die neuen Autos mit der wuchtigen «Downforce»  sowieso wieder viel mehr Spass als die 2016er-Modelle. Und wo der Spass ist, ist der Erfolg in der Regel nicht weit …

Sauber mit Rückstand

Hinter den «Big Three» werden sich der rosarote Force India, der weisse Williams, der wieder orange McLaren, der blaue Jungbulle Toro Rosso, der graue Haas, der gelbe Renault und der blau-weisse Sauber, sprich deren Piloten, den Rest des Kuchens  unter sich verteilen. Bei Sauber sind die finanziellen Probleme, die letzte Saison zu ausbleibenden Lohnzahlungen führten, gelöst. Dies dank der Übernahme der Longbow Finance SA, hinter der die schwedische Industriellenfamilie Rausing steckt. Deren 1983 verstorbener Patron Ruben Rausing hatte in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine Plastik-beschichtete Kartonverpackung für Flüssigkeiten entwickelt, die deren problemlose Aufbewahrung über längere Zeit ermöglichte und viel leichter war als Glas. Damit legte er den Grundstein für ein milliardenschweres Vermögen. Ein Teil davon hat nun Sauber vor dem Untergang bewahrt und zu neuen Kräften, den Weg nach Hinwil ZH geebnet. Xevi Pujolar kam von Toro Rosso als Chefingenieur, Hennel de Beaupreau, früher unter anderem bei Ferrari, McLaren und -Renault, als Aerodynamik-Chef und Jörg -Zander als Technischer Direktor. Ob die neuen Kräfte  und die fetten Finanzen schon in dieser Saison greifen? – eher nicht. Als letzte Saison die Rettung vor dem Untergang kam, war die Planung für die Saison 2017 schon weit fortgeschritten. Darum werden die Sauber heuer von einem Vorjahresmotor von Ferrari angetrieben. Und dabei bleibt es auch während die Konkurrenz ihre Triebwerke laufend entwickeln kann. Bei Sauber will man sich primär auf das 2018er-Auto konzentrieren; dennoch möchte Teamchefin Monisha Kaltenborn heuer den Anschluss ans Mittelfeld herstellen. Na ja, man kann durchaus sagen, das Mittelfeld reicht heuer von Rang vier bis Rang zehn.