«DER HAIFISCH: DIE SCHÖNSTE TIERFORM»

Der Fittipaldi EF7 Vision Gran Turismo by Pininfarina gab in Genf seine Weltpremiere. Er ist die Verwirklichung eines Traums des brasilianischen Weltmeisters. Das Supercar mit Haifischmaul, welches der Ex-Pilot erfand, wird in 39 Exemplaren gebaut.

Am Genfer Autosalon posiert Emerson Fittipaldi anlässlich des Interviews mit der «Automobil Revue» stolz vor seinem EF7. © Patrick Corminbœuf

Der Mann muss für Fotos herhalten und Autogramme verteilen, aber er kreist immer wieder wie eine Libelle um den Teich um das gelbe Supercar mit Namen EF7. Das schöne Stück ist schliesslich die Verkörperung seines lange gehegten Traums, der hier vor begeistertem Publikum sein Debüt gibt, ohne von den vielen Nobellimousinen und Leistungsprotzen am Salon überschattet zu werden. Und wer ist der glückliche Prominente, der sich im Rampenlicht sichtlich wohlfühlt? Emerson Fittipaldi, Formel-1-Doppelweltmeister von 1972 und 1974 auf Lotus und McLaren, Gewinner der IndyCar Series 1989 und zweifacher Sieger bei den Indy 500 von 1989 und 1993. Der legendäre Rennfahrer gehörte zu den auffälligsten Persönlichkeiten am 87. Genfer Autosalon. Und der 70-Jährige hatte allen Grund zur Freude, konnte er doch zwei spektakuläre Ereignisse feiern: Die Geburt einer neuen Automarke, Fittipaldi Motors, und die Weltpremiere des ersten Modells des Herstellers, des EF7 Vision Gran Turismo by Pininfarina. Der Brasilianer hatte diesem 7. März 2017 mit seinem ganzen Wesen entgegengefiebert.

«Als ich mit 22 Jahren von zu Hause weg bin, um in Europa meine Rennfahrerkarriere anzutreten, hatte ich bereits den Ehrgeiz, einmal ein GT-Supercar nach meinen Vorstellungen zu bauen. Vor sieben Jahren habe ich diesen mir wichtigen Traum wiederbelebt. Dazu bin ich zur Suche nach den passenden Partnern aufgebrochen», vertraut uns Emerson Fittipaldi mit seiner lebhaften Mimik an. Der in São Paulo geborene Rennfahrer kontaktierte zunächst erfolglos den brasilianischen Präsidenten Lula da Silva. «Er hat mich sehr freundlich empfangen und war voller Komplimente, aber heraus kam nichts.»

Deutsche Technik, italienisches Design

Der einstige Star der Formel 1 jettete dann nach Deutschland, wo er bei Hans Werner Aufrecht auf offene Ohren stiess. «Der AMG-Gründer war auf Anhieb von meinem Projekt begeistert und organisierte die Zusammenarbeit mit seiner Rennabteilung HWA AG, die übrigens ein Team in der DTM einsetzt. Er versprach mir, dass der EF7 in Stuttgart gebaut werden würde. Seine Teams würden das Chassis und den Motor stellen. Dann musste ich mich nur noch um das Design kümmern. Ich war überzeugt, dass nur die Italiener, und vor allem Pininfarina mit ihren 87 Jahren Tradition, infrage kamen. Hans Werner Aufrecht hatte erst seine Zweifel, lenkte dann aber ein. Als sich dann auch Pininfarina überzeugen liess, kamen alle Teile zusammen.»

Emerson Fittipaldi verkündet es mit Humor und Stolz: Er war überzeugt von seinem Dream-Team. Der Brasilianer nahm sich den Ferrari 458 Italia zum Vorbild, «den am angenehmsten und leichtesten zu fahrenden Sportwagen». Er stellte den deutschen Ingenieuren die Aufgabe, ein ultraleichtes, handliches und sehr sicheres Auto zu entwickeln, das selbstverständlich tolle Fahrleistungen bieten sollte. Die HWA AG baute ihm entsprechend ein Monocoque aus Kohlefaser, mit einem 4.8-L-V8, der 600 PS und 510 Nm leistet. Der freisaugende Achtzylinder wiegt 197 kg und schaltet über ein sequenzielles 6-Gang-Getriebe. Die Gewichtsverteilung ist 48 % vorn und 52 % hinten. Der EF7 bringt laut Werksangaben nur knapp 1000 kg auf die Waage. Fittipaldi bat die italienischen Designer von Pininfarina, seinem Supercar die Silhouette eines Haifischs zu verleihen, «der schönsten Tierform, die der Herrgott geschaffen hat», meint er begeistert.

Der Brasilianer kommentiert das Design des Supercars während der Entwicklungsphase. © zVg.

In den Augen des Brasilianers richtet sich der EF7 an die Ladys-and-Gentlemen-Drivers, die viel Fahrspass und etwas ganz Besonderes suchen. Der Supercar ist vorerst für die Rennstrecke und den Amateureinsatz gedacht, auch wenn die Strassenzulassung und eine spätere Rennversion in Vorbereitung sind. Fittipaldi wird auf Wunsch persönlich alle künftigen Kunden am EF7 einweisen. «Die ersten Fahrversuche mit den Prototypen erfolgen im August oder September 2017, wahrscheinlich auf dem Hockenheimring. Der EF7 wird in 39 Exemplaren in Stuttgart gebaut; das entspricht der Anzahl der Siege in meiner Karriere. Die ersten Autos werden im März 2018 an die Kunden ausgeliefert.» Die Fans von Videospielen können das Supercar von Fittipaldi Motors schon vorher im neuen «Gran Turismo Sport» kennenlernen. Das Bestseller-Game hat sich bisher 76 Mio. Mal verkauft.

Wir alle haben Erinnerungen an die 1970er-Jahre, eine goldene Periode der Formel 1. Und was ist Emerson Fittipaldi von damals im Sinn geblieben? «Der Wettbewerb war extrem hart, die Teams schenkten sich nichts. Aber das Feld war ausgeglichen und es konnten immer mehrere Piloten um den Sieg fahren. Wegen der Gefahren bei den Grand Prix gab es immer eine starke Solidarität zwischen den Fahrern. Meine schönste Erinnerung ist vom Sieg in Monza 1972, mit dem ich mir gleichzeitig meinen ersten WM-Titel sichern konnte. Bei der modernen Formel 1 weiss ich besonders die zukunftsweisende Technik zu schätzen. Ich konnte übrigens 2015 einen kurzen Test mit dem Lotus E23 Hybrid fahren. Ich fand diesen Rennwagen fantastisch!»


 

DIE HANDSCHRIFT VON PININFARINA

Er ist das Gesicht eines 1930 gegründeten Unternehmens, das lange als Inbegriff für gekonntes Automobildesign galt, nicht zuletzt dank dem Prestige, das es sich als Exklusiv-Carrossier von Ferrari verdient hatte. Paolo Pininfarina ist seit August 2008 Präsident des Familienunternehmens, und er ging das neue Abenteuer des Projekts «Fittipaldi EF7» mit einem gewissen Hang zur Poesie an, überzeugt, dass er ein Auto entworfen hat, das der Tradition der italienischen Stilisten gerecht wird.

«Am Anfang war das Vorgehen ganz neu für Pininfarina. Wir mussten das Styling anders angehen, sollte doch nicht nur ein Fahrzeug entstehen, sondern auch die Markenidentität von Fittipaldi Motors. Es galt, den Traum einer Rennsportlegende aus der Taufe zu heben; eines Mannes, der seinen Namen mit einem Sportwagen in Verbindung bringen wollte. Zu diesem Zweck suchte der einstige Formel-1-Weltmeister die Kreativität unseres Unternehmens. So viel Hochachtung wir ihm als Aushängeschild für den Rennsport entgegenbringen, so sehr respektierte er Pininfarina als Handwerkskünstler nicht nur für Supercars, sondern auch für Limousinen, Coupés oder Spider», erklärt der 59-jährige Turiner. Er meint weiter: «Sie finden alle Facetten des Stils von Pininfarina im EF7: die Harmonie, die sauberen Formen, die fliessenden Linien, die Dynamik und Aerodynamik. Wir verpassten ihm einen Schuss Originalität mit den Formen des vorderen und des hinteren Spoilers sowie der Leitbleche, mit den eindrücklichen seitlichen Lufteinlassöffnungen, deren untere Kanäle der Motorkühlung und die oberen der Bremskühlung dienen.»

Ein Spaziergang war die Realisierung des Projekts aber keinesfalls. «Emerson Fittipaldi hatte ganz klare Vorstellungen, aber wir sind schrittweise vorgegangen. Eineinhalb Jahre lang, von Anfang 2015 bis Mitte 2016, führten wir verschiedene Versuche durch und erprobten zusammen mit den deutschen Partnern von HWA und mit dem brasilianischen Weltmeister unterschiedliche Lösungen, bis wir endlich zu einem Kompromiss gelangten. Wir haben uns in Absprache für einen freisaugenden V8-Mittelmotor entschieden, für ein extrem leichtes Kohlefaser-Chassis und für ein praktisches und komfortables Interieur. Im September 2016 waren die Eckdaten festgelegt. Sechs Monate später war der EF7 fertig», unterstreicht Paolo Pininfarina.

Die wie in Marmor gemeisselten Flanken des EF7 mit ihren eindrücklichen Lufteinlässen. © zVg

Emerson Fittipaldi war natürlich federführend beim Entstehungsprozess des brasilianisch-italienisch-deutschen Supercars. «Pininfarina konzentrierte sich auf das Design und die Aerodynamik und HWA auf die Rennsporttechnik. Zwischen den beiden Spezialisten spielte der ehemalige Rennfahrer den Dirigenten, der genau ausarbeitete, welche Prioritäten er für seinen EF7 vorsah. Er übernahm auch die Hauptarbeit bei den Fahrtests und den Abstimmungen auf der Rennstrecke.»

Pininfarina sieht bereits der nächsten Herausforderung entgegen, nämlich einem EF7 mit Strassenzulassung. «Die jetzige Version ist rein für die Rennstrecke gedacht. Wir werden jetzt die technische Entwicklung durchführen, um eine Homologation für den Strassenverkehr zu erreichen, ähnlich, wie wir das mit dem Ferrari Sergio getan haben. Und wir untersuchen die Möglichkeit einer Rennversion. Deren Realisierung wird natürlich durch die Spezialisten von HWA erfolgen», deutet Paolo Pininfarina an.