«ES WIRD HART GEGEN TOYOTA»

Weltmeister Neel Jani spricht über seine neuen Teamkameraden, die neue Saison und seine alte Liebe zur Buchhaltung.

Eigentlich ist es eine kleine Majestätsbeleidigung, wenn Porsche nach wie vor Caps von Neel Jani mit der Nummer 2 verteilt. Denn zumindest in dieser Saison ist der 33-jährige Seeländer der Weltmeister und darum steht auch die Nummer 1 auf seinem Dienstwagen – dem Porsche 919 Hybrid (s. Text auf dieser Seite). Jani ist der einzige WEC-Langstrecken-Weltmeister, der aus dem Vorjahr übrig geblieben ist. Seine beiden Mitstreiter von 2016, Marc Lieb und Romain Dumas, sind nicht im WEC-Team der Weissacher am Start. «Stimmt, das habe ich mir gar noch nie so überlegt», sagt Jani. Erst recht darf man die Caps mit der Nummer 2 im Lager deponieren, denn Weltmeister war Jani zuvor nämlich noch nie. Letztes Jahr holte sich der Berner nebst dem Titel auch den Triumph in Le Mans. Die neue WEC-Saison, die Mitte April in Silverstone beginnt, nimmt der Berner im Porsche mit der Nummer 1 zusammen mit dem pfeilschnellen Deutschen André Lotterer und dem Briten Nick Tandy in Angriff. Der Porsche mit der Nummer 2 wird von Timo Bernhard, Earl Bamber und Brendon Hartley gesteuert. Im Rahmen des WEC-Prologes in Monza war Jani mit seiner Zeit von 1:31.666 Minuten der schnellste Porsche-Mann. Dies allerdings hinter drei noch schnelleren Toyota-Piloten. Es wird folglich ein wirklich hartes Stück Arbeit für Porsche, den WM-Titel aus dem Vorjahr zu verteidigen.

AR: Neel Jani, wie harmonieren Sie mit Ihren neuen Teamkollegen?

Neel Jani: Wir haben alle einen ähnlichen Fahrstil und einen ähnlichen Humor, das ist zweifellos nicht unwichtig. Wie wir als Team im Rennen funktionieren, werden wir sehen. Da müssen wir noch Erfahrungen sammeln.

Ist der Ehrgeiz, der schnellste im eigenen Auto, sprich unter allen sechs Por-sche-Werksfahrern zu sein vorhanden?

Natürlich steht das Resultat des Teams an allererster Stelle. Motorsport generell und Langstrecken-Sport im Speziellen ist absolut Teamsport. Allein geht da gar nichts. Aber klar, wir sind Rennfahrer mit einem eigenen Ego und suchen den Wettkampf. Insofern will jeder der Schnellste sein. Man darf es mit dem Ego einfach nie übertreiben.   

Wie optimistisch blicken Sie der neuen Saison entgegen?

Neues Auto, neue Saison, neues Glück – wir haben viele Testkilometer, unter anderem in Le Castellet oder Portimão,  hinter uns.  Wir sind gut aufgestellt, aber es wird nicht einfach, gegen Toyota zu bestehen in dieser Saison.

Wieso meinen Sie, es werde nicht einfach gegen Toyota?

Ein Gefühl, wenn ich mir das Gesamtpaket vor Augen führe – ich denke, da kommt  einiges auf uns zu, was auch die Tests zeigen. Aber wir sind, wie gesagt, parat und wollen natürlich gewinnen.

Stichwort gewinnen: 2016 haben Sie alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Besser kann es heuer gar nicht gehen.

Gewinnen ist immer schön und wenn man einmal erlebt und erfahren hat, wie es ist, Weltmeister und Le-Mans-Sieger zu sein, dann will man dieses Gefühl immer wieder gern noch einmal erleben.

Durch den WM-Titel und den Le-Mans-Sieg haben Sie im eigenen Land punkto Motorsport und in eigener Sache Werbung machen können. Was haben Ihnen die Erfolge vom Vorjahr sonst noch gebracht?

Ausser der Nummer 1 auf dem Auto nichts. Kaufen können wir uns davon in dieser Saison nichts. Aber es ist schön, diese Erfolge im persönlichen Lebenslauf aufführen zu dürfen.

Am 16. April gehts in Silverstone los – was erwarten Sie?

Wenn ich ehrlich bin, noch nicht extrem viel. Toyota schätze ich, wie gesagt, sehr stark ein und Silverstone ist nicht wirklich unser Ding; da waren wir in den letzten Jahren nie diejenigen, die für die Musik gesorgt haben, obwohl ein grosser Teil meiner Familie in London lebt und es deshalb für mich immer ein besonderes Rennen ist. Aber wir werden natürlich alles dafür tun, sportlich zu glänzen und möglichst die maximale Punktzahl einzufahren. Ich hoffe, es schneit nicht wieder, wie im letzten Jahr. Und eben, ich könnte mir vorstellen, dass wir erst ab Spa und Le Mans «richtig» in die Saison einsteigen.

Wie sehr haben Sie am Prolog in Monza Audi vermisst?

Es war spürbar – Audi war immer eine sehr starke Truppe mit sehr starken Fahrern. Mit André Lotterer sitze ich nun mit einem von ihnen im gleichen Auto. Es ist  schade, dass Audi nicht mehr dabei ist.

Was halten Sie von den neuen Autos, die ja deutlich weniger Abtrieb, sprich «Downforce» bringen und mit viel we-niger Reifen auskommen müssen?

Es ist ein bisschen eine verkehrte Welt. In fast allen anderen Serien versucht man, immer schneller zu werden – bei uns wird versucht, langsamer zu fahren. Wir sind Rennfahrer und möchten natürlich möglichst viel Downforce, Grip und hohe Tempi.

Und auch möglichst viele Reifen?

Ja, es sind ja genügend davon da (lacht). Aber ich verstehe die Beweggründe, die zu Regelanpassungen wie der aktuellen führen, dass uns pro Rennwochenende drei Sätze Reifen weniger zur Verfügung stehen und die vorhandenen so mehr Doppelstints aushalten müssen.

Wie sehr schränkt Sie als eher aggressiven Fahrer – Sie halten ja unter anderem den Qualifikationsrekord in Le Mans, den man nicht ohne Attacke an sich reisst – die neue Reifenregel ein?

Nicht wirklich – man muss sich halt anpassen – da sehe ich keine Probleme.

Es heisst, wenn Sie nicht Rennfahrer geworden wären, wären Sie gern Buch-halter geworden – wieso?

Meine Eltern haben immer mit Buchhaltung zu tun gehabt und so bin ich quasi mit Zahlen aufgewachsen …

Welches ist denn Ihre Lieblingszahl?

Die 8 hat mir immer sehr gut gefallen …

Man könnte in dem Sinn sagen, dass letzte Saison die Buchhaltung für Sie aufgegangen ist …?

Ja, das ist sie – in der Tat und das darf sie auch gern weiterhin. Der Auftrag von Porsche ist auf jeden Fall klar …

2016 ist die Buchhaltung für Neel Jani also top aufgegangen. Und wie das so in der Wirtschaft üblich ist, soll sich das natürlich im Idealfall bei jedem folgenden Jahresabschluss wiederholen. An einem Gewinn erfreut man sich schliesslich immer wieder gern. Ob man heuer am Ende wieder die Nase vorn haben wird, bleibt abzuwarten. Toyota setzt alles daran – unter anderem setzen die Japaner in Le Mans drei Autos ein –, um den WM-Titel wieder ins Reich der aufgehenden Sonne zu holen. Die WEC als WM der Prototypen steht als Ganzes derzeit mit nur noch vier Autos ziemlich auf der Kippe ihrer Existenz. Wer weiss, wie viele WM-Titel in dieser neben der Formel 1 wohl höchstentwickelten und extrem teuren High-Tech-Serie noch vergeben werden.