«BEAUTIFUL WON’T BE TAMED»

Die Enthüllung des neuen Aston Martin V8 Vantage (2017) war zuerst ein Schock, danach aber ein tolles Aha-Erlebnis.

Einundzwanzigster November 2017, Old Truman Brewery, London (GB), 19.30 Uhr. Auftritt des jüngsten Sprosses des englischen Traditionsherstellers: des Aston Martin V8 Vantage (2017).

Der ikonische Name «Vantage» (Vorteil, günstige Ausgangsposition) nahm 1951 mit einem Hochleistungsmotor für den DB2 seinen Anfang und wurde bis 1969 als Zusatzbezeichnung für leistungsgesteigerte Versionen der Aston-Martin-Sportwagen geführt. Legendär ist bekanntlich der Einsatz von Aston Martin in den James-Bond-Filmen. So fuhr bspw. Timothy Dalton 1987 den V8 Vantage im Film «Der Hauch des Todes». Insgesamt hat der Agent 007 mit der Lizenz zum Töten weltweit bislang zehn Aston bei der Jagd auf Bösewichte (zu Schrott) gefahren. Wird der neue V8 Vantage (2017) vielleicht nächstes Jahr der elfte Bond-Aston im 25. Bond-Abenteuer sein?

Letztmals wurde «Vantage» als Zusatz zum Modellnamen übrigens im DB7 V12 Vantage (1999–2003) verwendet, aber bereits seit 1972 wird diese Bezeichnung auch zur Benennung einer eigenständigen Modell­linie verwendet.

Grasgrün wie ein Laubfrosch

Als der neue V8 Vantage in die Brauerei­halle im Herzen der englischen Hauptstadt rollte, verschlug es dem Publikum schier den Atem: Nein, nicht bloss ob der atemberaubenden Formgebung, sondern auch wegen seiner Leuchtstift-grünen Farbe. Hoffentlich handelt es sich hierbei um eine exzentrische Sonderanfertigung, durchfuhr es uns. Grosse Erleichterung kurz darauf, als erste Video-Journalisten mit ihren weiss strahlenden Kameraleuchten den Wagen vor die Linsen nahmen und sich das «Colour-Gate» auflöste: Der Vantage war gelb metallic, leuchtete aber unter den komplett fehlgewählten reinblauen Bühnenscheinwerfern in Frühlingserbsengrün … – not pretty!

Heiss!

Mit sichtlichem Stolz stellte Andy Palmer, CEO von Aston Martin, den jüngsten Spross aus seiner Edelsportwagenschmiede vor. Das vom ausschliesslich für die Rennstrecke gebauten Vulcan inspirierte, einem Raubtier gleich athletisch dastehende Coupé mit seinen nur minimalen Überhängen fügt sich perfekt in die von Dynamik und Agilität geprägte Design-DNS der Marke ein. Vom Creative Director of Exterior Design, Miles Nurnberger, gezeichnet, weist die Alu-Karosserie des Neuen die typische, in ihrer Verlängerung exakt durch den Drehpunkt der Vorderräder laufende, flache A-Säule auf. Und auch der visuelle Schwerpunkt der C-Säule liegt präzise über dem Hinterrad, so, wie es bei einem waschechten Aston Martin sein soll.

Heiss sieht er aus, der neue Vantage mit seinen muskulösen Flanken, dem tiefen Stand, den klar fokussierten Matrix-LED-Scheinwerfern und der markanten, ­extraschlanken über die volle Breite der Heckklappe laufenden Rückleuchtengrafik. Diese Formensprache hat der bekannte Londoner Fotograf Rankin in seinem Imagefilm geschickt visualisiert, indem er wilde Tiere auf der Pirsch sowie kantig-muskulöse und gleichzeitig sinnliche Menschen mit dem brüllend über die Savanne preschenden V8-Sportboliden kombinierte. «Beautiful won’t be tamed» (Schönheit kann nicht gezähmt werden) lautet denn auch das Motto des Streifens.

Nebst fantastischen technischen Daten (4-L-V8-Vollalu-Twinturbo von Mercedes AMG mit 510 PS und 685 Nm, 50:50-Gewichtsverteilung, adaptive Dämpfung, Stabilitätskontrolle, Torque Vectoring und erstmals ein elektronisches Sperrdifferenzial) bietet der «Vorteil» natürlich auch über jeden Zweifel erhabene Fahrleistungen (Normspurt in 3.6 s und Spitze bei 314 km/h). Dies allerdings bei weniger prickelnden 245 g CO2-Ausstoss pro Kilometer, welcher bei Höchstgeschwindigkeit ja in gerade mal 11.46 s abgespult ist. Gleichwohl können es die AR-Tester kaum erwarten, diesem Raubtier mal testhalber auf die Fangzähne zu fühlen!

Windschlüpfrig!

Beim neuen Vantage wurde ein besonderer Fokus auf eine optimale Aerodynamik gelegt. Der Frontsplitter leitet die Strömung unter das Auto, wo ein System aus Leitflächen die Kühlluft genau dorthin führt, wo sie benötigt wird. Gleichzeitig führt der Fluss sauber zum Heckdiffusor hin, welcher einen Unterdruck erzeugt, um die durch die Hinterräder erzeugten Turbulenzen zu glätten. Zusammen mit den in die Oberfläche eingelassenen seitlichen «Kiemen», welche die Luft aus den vorderen Radkästen abführen, und dem hochgebogenen «Entenschwänzchenheck» wird der für ein Serienfahrzeug überdurchschnittliche Anpressdruck erzeugt.

@ Drew Gibson

Innen viel «hui» und auch ein wenig «pfui»

Im Interieur des auf Sportlichkeit ausgerichteten Cockpits hat man lange, fliessende Kurven zugunsten von scharfen, fokussierten Linien aufgegeben. Das betont die aggressive Natur des Sportlers. Die im Innenraum betont hoch angesetzte Gürtellinie, in Kom­bination mit der tieferen Fahrerposition, und die gegenüber dem auslaufenden V8 Van­tage (2005) resultierende grössere Kopffreiheit sollen ein noch einnehmenderes Fahr(er)erlebnis generieren.

Was im Supersportler-Cockpit dann ein klein wenig ernüchtert, ist der von Mercedes übernommene taktile Drehdrücksteller auf der Mittelkonsole und die bei wirklich naher Betrachtung billig wirkenden Hebel und Knöpfe. Ebenso bemängeln wir die – wohl einem zu Präsentationszwecken herangefahrenen Vorserienmodell geschuldet – «gebastelt» wirkende Motorhaubenverriegelung mit inwendig überstehenden Schrauben, gehalten von baumarkttaug­lichen Sechskantmuttern, sowie den an einen Kleinwagen der 1990er-Jahre gemahnende Heckklappenmechanismus. Wer sich «Premium» und «Highend» auf die Fahne stickt, der muss dies auch bis in die letzte Konsequenz durchziehen. Können tun es die Aston-Leute nämlich schon, wie wir anlässlich des Fabrikbesuchs am Hauptsitz in Gaydon (GB) eindrücklich demonstriert bekamen: In der perfekt durchorganisierten Montagehalle wird jeder Aston Martin in praktisch 100%ig manueller Wertarbeit liebevoll zusammengesetzt.

Verfügbarkeit und Preis

In der Schweiz wird der neue V8 Vantage (2017) als strassentaugliches Coupé gegen Ende des zweiten Quartals nächsten Jahres ab 173 900 Fr. zu haben sein. Damit ist er 43 000 Fr. teurer als die aus dem Jahr 2005 stammende vorherige Generation in ihrer Basisausführung. Gemäss Schweizer Importeur ist die erste Tranche des neuen Vantage bereits ausverkauft, sodass sich hiesige Neuinteressenten wohl auf die zweite Hälfte 2018 vertrösten lassen müssen. Vielleicht liesse sich ja stattdessen auf die Schnelle eine ebenfalls in der Brewery vorgestellte GTE-Rennversion ordern, für welche dann natürlich nochmals ein ordentliches Sümmchen extra dazukäme.