THE RACE TO THE CLOUDS

Das internationale Pikes-Peak-Bergrennen (Pikes Peak International Hillclimb) ist das zweitälteste US-Autorennen, und mit jeder Austragung wird seine Saga neu gewoben.

Die 19.9 km lange Steigung mit 156 Kurven führt über einen Höhenunterschied von 1437 m. Der Streckenrekord von Sébastien Loeb mit 8:13.878, datiert von 2013. © Larry Cheng

Das Pikes-Peak-Bergrennen wurde schon 1916 von Spencer Pen­rose ins Leben gerufen, kam aber erst in den 1980er-Jahren über den Ozean, um auch diesseits des Atlantiks zu seinem legendären Ruf zu gelangen.

Nach zwei Siegen mit einem Quat­tro in den Jahren 1982 und 83, der von Audi of America mit John Buffum als Pilot ins Rennen geschickt wurde, beteiligte sich Audi 1984 offiziell am Rennen, zunächst mit Michelle Mouton am Steuer (Kategoriesieg im Jahr 1984 und Scratch im Jahr 85), dann mit Bobby Unser (achtmal Sieger von Pikes Peak und dreimal Sieger der 500 Miles von Indianapolis), der den Streckenrekord schlägt. 1987 erringt Walter Röhrl einen neuen Rekord für die vier Ringe und bleibt unter elf Minuten.

Mit einem speziell dafür vorbereiteten 205 Turbo 16 erschien Peugeot im gleichen Jahr in Colorado. Dem Ehrgeiz der Franzosen wurde aber durch eine launische Rohrschelle ein Ende gesetzt. Ein zweiter Versuch folgte ein Jahr später mit dem 405 Turbo 16 und Ari Vatanen am Lenkrad, der den Sieg und den absoluten Rekord an sich riss. Der Film von Jean-Louis Mourey, «Climb Dance», der das meisterliche Geschick des finnischen Fahrers unter den so extremen Bedingungen dieses einmaligen Rennens hervorhebt, ist ein beeindruckendes Zeugnis dieser Leistung.

Die Autonarren

25. Juni 2017, 4.00 Uhr: Der Wecker klingelt, die Spannung steigt. Wir stürzen uns in unsere «Trucks» und begeben uns zum Pikes Peak. Das Publikum darf nur zwischen 22.00 und 2.00 Uhr morgens am Tag vor dem Rennen die Plätze einnehmen und erwacht jetzt langsam aus dem Dämmerschlaf. Die Wohnmobile stehen aneinandergereiht am Strassenrand, etwas weiter stehen einige Zelte in einer Lichtung mit Nadelbäumen. Wir kommen am Startbereich an. Kein modernes Paddock, die Piloten bereiten auf gewalzter Erde ihre Boliden vor. Es sind 80 insgesamt, 51 Autos und 29 Motorräder, die den Kampf mit den 156 Kurven entlang der 19.9 km langen, steilen Strecke bis zum Gipfel, mit einem Höhenunterschied von ca. 1440 Höhenmetern (2863 m Höhe am Start bis zu 4300 m am Gipfel) aufnehmen wollen.

Das Aufgebot ist extrem unterschiedlich; manche sind mit Rohren bewehrt und haben uralte V8 mit dämonischer Leistung, sie werden jeweils akribisch zwischen zwei Rennen aufgebaut. Dann gibt es rein elektrische Fahrzeuge, wie ein Faraday-Prototyp, die designierte Tesla-Konkurrenz. Einige alte Glorien der Rallyes und Strecken wie die Audi Quattro oder Porsche 911 warten im Hinterhalt. Hinter einem kleinen Truck bereitet sich Romain Dumas, Sieger 2014 und 2016, vor und überprüft ein letztes Mal seinen Prototyp Norma mit dem Namen Marilyn, der speziell für das Rennen konzipiert wurde. Er träumt selbstverständlich von Sieg 3, aber vor allem davon, den Rekord von 8:13.878 zu schlagen, den sein Landsmann Sébastien Loeb 2013 am Steuer seines Peugeot 208 T16 in Pikes Peak aufgestellt hatte und von Jahr zu Jahr unerreichbarer erscheint.

Was für eine Stimmung!

6.30 Uhr: Einer der Piloten, Pastor im Alltag, hält einen Gottesdienst für seine Kollegen auf einer Lichtung beim Paddock. Dann kommt das Ritual mit dem Hochziehen der amerikanischen Flagge zur Musik von «Star-Spangled Banner», der amerikanischen Nationalhymne, die A-Capella von einer Sängerin vorgetragen wird. Die Sonne, die nach und nach wärmt und den majestätischen Gipfel bestrahlt, die allseits herrschende Stille, die steigende Spannung und die Leidenschaft der Zuschauer lädt diese Augenblicke mit einer gewissen Ergriffenheit auf, die Gänsehaut verursacht.

Das Fest kann beginnen. Es herrscht die bei automobilen Events jenseits des Atlantiks typisch lockere Stimmung. Hier kommt die ganze Familie, mit den Vertretern von drei Generationen. Während die Jüngsten Autogramme jagen und vor den Boliden im Paddock träumen, schauen sich die Ältesten das Rennen beim improvisierten Picknick an und lauschen den Kommentaren am Radio.

Die Gefahr? Zweifellos ist sie präsent, wird aber selten erwähnt. Übrigens haben bei den 95 Austragungen «nur» sechs Konkurrenten ihr Leben auf der Strecke gelassen. Wenig, wenn man mit anderen Disziplinen vergleicht. Seit 2013 ist die gesamte Strecke asphaltiert. Man könnte zunächst meinen, dass der bituminöse Belag die Sicherheit erhöht und das Rennen dadurch vereinfacht wird. Weit gefehlt! Dadurch sind höhere Geschwindigkeiten möglich, jedoch wechseln die Haftungseigenschaften des Bitumens im Laufe der steilen Strecke wegen der unterschiedlichen Klimazonen je nach Höhe und den Auswirkungen des Winters, sodass das Set-up der Autos im Vergleich zu früher, als die Strecke noch aus gestampfter Erde bestand, erschwert wird. Jeremy Foley, Opfer eines beeindruckenden Crashs im Jahr 2012, kann das bezeugen. An manchen Stellen, unter anderem im erwähnten «Devil’s Playground» (Spielplatz des Teufels) gibt es rechts an der Strecke nur Felswände und links einen 600 m tiefen Abgrund. Wehe dem Fahrfehler!

Um das Ganze spannender zu gestalten, ist noch zu bedenken, dass das Wetter ab und an zum Störenfried wird. Das war in diesem Jahr der Fall durch eine sonnengeflutete Ziellinie und eine nebelige Strecke kurz vor dem Ziel, über die zwischendurch Schnee- oder Hagelschauer gefegt wurden. Eine apokalyptische Atmosphäre! Diese bunte Mischung macht sicherlich aus Pikes Peak einen der magischsten Orte des Automobilrennsports in der gesamten Welt.