McLaren 600 LT: Der englische Outsider

KELTISCHES KATAPULT Der McLaren 600LT ist die leichtfüssige Sensation unter den Supersportwagen. Auf der Rennstrecke dominieren eindeutig sportliche Gefühle.

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Seit dem von Wilhelm dem Eroberer eingeläuteten anglonormannischen Zeitalter waren die Beziehungen zwischen Frankreich und England von Höhen und Tiefen geprägt. Wenn die Chemie stimmt, dann funkt es in den Köpfen beider Nationen. Der in Woking (GB) unter der Leitung des Franzosen Philippe Humbrecht entwickelte McLaren 600 LT ist eine gelungene Überraschung mit seiner extremen Leichtbaukunst, die mit einer ebenso ausgewogenen wie rassigen Karosserie eingekleidet wird. In Anbetracht der deutschen und italienischen Konkurrenz ist dies mehr als nur eine aufsehenerregende Nachricht wie wir es anlässlich eines PS-starken Tests auf dem Budapester Hungaroring feststellen konnten.

Symbolisches Erbe
Nach dem 570S Spider mit sportlicheren Ambitionen als sein Vorgänger 570 GT folgt der neue kleine Bruder auf derselben Plattform jedoch mit einem viel temperamentvolleren Charakter. Der in Pebble Beach (USA) vorgestellte und ab Oktober nur für ein Jahr produzierte McLaren 600 LT ist für die Rennstrecke konstruiert. Als Mitglied der Sports-Series-Familie verfügt er in Erinnerung an den McLaren F1 GTR, Held der 24 Stunden von Le Mans 1995, über die Bezeichnung Long Tail, die McLaren 2015 mit dem 675 LT einführte.

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Ziel 100 Kilogramm
Auch wenn der 600 LT nur 30 PS mehr leistet als der V8 im 570S (aufgrund einer neuen Motorkartogra ­ e und einer auf 1080 mm gekürzten Auspuffanlage), beträgt sein Trockengewicht lediglich 1247 Kilogramm. Die angepeilte Gewichtsreduzierung von 100 Kilogramm erreichte McLaren durch ein extraleichtes Karbon-Keramik-Bremssystem von Brembo, Karbon-Karosserieteile, neue Felgen, den Verzicht auf die Klimaanlage sowie Fussmatten (–5,6 kg) und optionale Senna-Schalensitze. Auch die Aerodynamik und die Achsen wurden im Vergleich zum 570S völlig überarbeitet: Die härtere Federung (15 % vorne, 34 % hinten) besteht vorne aus einer geschmiedeten Aluminium-Doppelquerlenker- Konstruktion und wird durch versteifte Querstabilisatoren (50 % vorne, 25 % hinten) ergänzt. Dazu kommen acht Millimeter weniger Bodenfreiheit und eine um zehn Millimeter breitere Frontspur bei 74 Millimeter mehr Länge. An der Karosserie (Aussenspiegelhalterung, Dachstreben und C-Säule) wurde aerodynamischer Feinschliff zwecks Optimierung von Luftführung und Kühlung betrieben. Somit erreicht der Abtrieb 100 Kilogramm bei 250 km/h.

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Fitnesskur
Auf dem ungarischen Rundkurs ist der Unterschied zwischen 570S und 600 LT eindeutig. Neben der härteren Abstimmung der adaptiven Federung gefällt vor allem das Reaktionsvermögen des Karbon- Monocoque-Chassis. Der englische Athlet zeichnet sich durch sein unmittelbares Reaktionsvermögen und sein perfekt neutrales Verhalten in den Kurven aus. Für den Stillstand aus 200 km/h braucht er einen Bremsweg von nur 117 Metern (P1 116 m, Senna 100 m). Mit dem 600 LT kann dank extrem fein abgestimmtem ESP bis in den Scheitelpunkt der Kurve gebremst werden. Geht man wieder aufs Gas, dann erlebt man, wie immer bei McLaren, die aussergewöhnliche Durchzugskraft des V8 aus extrem niedrigen Drehzahlen, ehe der Turbo sich mit einem Schlag in den Rücken bemerkbar macht, ein angenehmer Unterschied zu den sehr linearen Motoren der Konkurrenz. Das Doppelkupplungsgetriebe (7 Gänge) schaltet die Gänge dank Zündungsunterbrechung blitzschnell. Die Pirelli-P-Zero-Trofeo-R-Bereifung garantiert überirdische Haftung. Die Strassenlage ist im Modus Sport (für den Nürburgring) oder Track (für ‑ ache Rundkurse) phänomenal. Dank geschmackvoller Linienführung und hochwertigem Alcantara-Interieur ist der 600 LT ein gelungener Wurf. Der gewichtsoptimierte McLaren ist neben dem Porsche 911 GT3 RS oder dem Ferrari 488 Pista ein Vollblüter. Und ein echter Volltreffer.