Regeln sind zum Brechen da

Stallorder In der Kontroverse um den vorletzten Grand Prix in Russland kann Mercedes hinsichtlich der angewendeten Taktik auf die Geschichte der Formel 1 verweisen. 

Nichts Neues unter der Sonne. Die kleine Welt der Formel 1 – angefangen bei ihren Fans, die beim kleinsten Anlass ihr Verdikt unweigerlich in den sozialen Netzwerken verbreiten – hat definitiv ein kurzes Gedächtnis. Teamabsprachen gab es schon immer, auch wenn der öffentliche Druck die Sportverbände dazu gebracht hatte, sie zu verbieten. Lewis Hamiltons Führung vor seinem verbliebenen Herausforderer Sebastian Vettel war mit 50 Punkten nach dem Russland-GP sicherlich mehr als komfortabel. Das entspricht zwei Siegen. Aber niemand ist unter jeden Umständen vor einem schlechten Rennen sicher, nicht einmal der Engländer und sein Silberpfeil. Eine Kollision hier, ein mechanischer Defekt dort sowie zwei Siege des Ferrari-Piloten, und schon ist der Vorteil verspielt. Utopisch? Vermutlich. Möglich? Warum nicht. Man muss daher die Vorsicht von Mercedes verstehen, wenn Hamiltons Teamkollege Valterri Bottas aufgefordert wird, zugunsten des unbestrittenen Spitzenfahrers im Team zurückzustecken. Der Finne war 2018 dem wahrscheinlich fünffachen künftigen Weltmeister selten ebenbürtig, und sein Opfer – wenngleich es schmerzt, da die Gelegenheit selten war – erscheint einfach logisch. So logisch, dass das Fahrerlager fast einstimmig den Teamchef Toto Wolff verteidigte, der mutig für seine Entscheidung einstand. Ironischerweise sogar das Hauptopfer der Manipulation nach Bottas: Vettel selbst! Offensichtlich nicht ohne Hintergedanken, denn der Deutsche erhielt bei Ferrari von seinem Kumpel Kimi Räikkönen nicht die gleiche Unterstützung.

Gute Miene zum bösen Spiel Bottas und Hamilton nach dem Russland-GP 2018 (gr. Bild v. l.), Massa und Alonso 2010 in Deutschland sowie Schumacher und Barrichello beim Österreich-GP 2002 (Bilder unten v. l.). ©ARC, MSPB

Berühmte Ferrari-Fälle
Und doch geht es in den berühmtesten Episoden der Teamabsprachen bei Rennen gerade um die Scuderia. Der letzte Episode, die dafür gesorgt hatte, dass viel Tinte floss und endlos diskutiert wurde, ereignete sich beim Deutschland-GP 2010. Die berühmte Durchsage im Teamfunk «Fernando ist schneller als du», die verschlüsselt (oder fast) Felipe Massa zu verstehen gab, dass er seinen Teamkollegen Alonso, der in dieser Phase des Rennens schneller war, vorbeilassen solle, wurde ebenso schlecht aufgenommen wie die Episode von Bottas und Hamilton in Sotschi. Der Unterschied besteht darin, dass solche taktischen Manöver anschliessend durch das Reglement verboten wurden, und dass es Ferrari eine Geldstrafe von 100 000 Dollar einbrachte. Die Tatsache aber, dass das Reglement so streng definiert wurde, hatte sich Ferrari selbst und dem Skandal zuschreiben, den man acht Jahre zuvor beim Österreich-GP ausgelöst hatte. Jean Todt war damals Teamchef in Maranello (I), mit eiserner Faust in einem Handschuh aus Stahl. Als er Rubens Barrichello anwies, Michael Schumacher vorbeizulassen, war der Aufschrei bei allen gross. Die Dominanz des grossen Schumi in der Formel 1 war so erdrückend, dass man langsam die Lust daran verlor, zumal er seit Beginn der Saison schon vier von fünf GP gewonnen hatte und noch ganze elf Rennen zu fahren waren. Dagegen hatte der brave Rubinho jede Menge Rückschl.ge erlitten, und nun lag er einmal vor dem gewöhnlich Führenden, bis die Stallorder seinen siegreichen Lauf durchkreuzte. Man war sich darin einig, dass dies falsch und überflüssig war – selbst Schumacher wusste nicht, wohin er sich auf dem Podium stellen sollte, und bugsierte seinen Teamkollegen auf das höchste Treppchen, das dieser eigentlich verdient hatte – wäre es nicht nach Todt und seinem Taschenrechner gegangen. Die Geschichte endete damals damit, dass Schumacher sich über dieses Übermass an Vorsicht lustig machte und seinen dritten Titel in Folge für die Roten (und den fünften seiner grandiosen Karriere) bereits zwei Monate später beim GP von Frankreich am 21. Juli, sechs Rennen vor dem Ende der Saison, klarmachte! Eine so frühe Entscheidung war ein weiterer Rekord in der Statistik des Ausnahmetalents. Es bleiben Zweifel bezüglich der tatsächlichen Zahlung der enormen Geldbusse, die Ferrari von der FIA, damals unter der Leitung von Todt-Freund Max Mosley, auferlegt wurde: eine Million Dollar – wovon die Hälfte sofort gefordert wurde – wegen des Schadens für das Image der Formel 1! Ebenfalls rekordverdächtig.