«Puppen haben mich nie interessiert»

GELUNGENER SPAGAT Unter der Woche arbeitet Isabelle von Lerber in einer Kindertagesstätte. Am Wochenende scheucht sie im Schalt-Kart die männliche Konkurrenz vor sich her. Und das mit bis zu 150 km/h. 

Fotos von Sam

Auf den ersten Blick ist Isabelle von Lerber eine ganz normale 24-jährige, junge Frau. Aufgewachsen in bernischen Busswil arbeitet sie als gelernte Fachfrau für Kinderbetreuung in einer 24-Stunden-Kita in Bern, trifft sich gerne mit Freunden und spielt in ihrer Freizeit Tennis. Wenn da nicht dieses eine Hobby wäre: Kart fahren. Doch Isabelle von Lerber haben es nicht die normalen Karts angetan. Sie fährt als einzige Frau in der Schweiz in der Kategorie KZ2, also in Karts mit Schaltung. Diese sind den herkömmlichen Karts in Sachen Topspeed weit überlegen. «Der Spitzenwert dieses Jahr lag bei zirka 150 km/h», sagt die Bernerin und tut so, als sei es das Normalste der Welt, bei dieser Geschwindigkeit mit einem Zentimeter Abstand zum Boden über den Asphalt zu brettern. Benzin hat Von Lerber von klein auf im Blut. Vater Beat bestritt einst historische Rundstreckenrennen sowie Bergrennen. Doch das Virus befiel nicht die ganze Familie, Isabelles vier Jahre ältere Schwester zeigte nie Interesse am Rennsport. «Puppen haben mich nie interessiert», sagt hingegen Isabelle von Lerber. «Ich habe lieber mit Autos gespielt.»

Anderer Fahrstil im Schalt-Kart
Im Alter von neun Jahren sass von Lerber zum ersten Mal bei den Minis im Kart. Mit 14 nahm sie aus Jux zum ersten Mal in einem Schaltkart Platz. Seit 2014 fährt sie fix in der Kategorie KZ2. Vieles musste sie neu lernen. «Der Unterschied zum normalen Kart ist enorm. Am Anfang war das Kuppeln noch sehr fremd. Ich hatte damals ja noch nicht einmal den Führerschein. » Mindestens zwei Jahre habe es gedauert, bis sie sich an ihr neues Arbeitsgerät gewöhnt habe. «Man muss mit den Schaltkarts ganz anders fahren », sagt Isabelle von Lerber. «Weg vom runden Fahrstil, den man vom herkömmlichen Kart kennt. Im Schaltkart fährt man viel eckiger. Schliesslich hat man ja auch mehr Power, um aus den Kurven heraus zu kommen.» Den Sprung habe sie dann schliesslich mit dem Wechsel zu Germano Marrocco gemacht. «Als mein Mechaniker hat er mir alles so eingerichtet, dass ich heute um Siege mitfahren kann.» Angst vor grossen Namen hat die Swiss-Hutless-Fahrerin nicht. Gerne erinnert sie sich daran, wie sie einst bei einem Weltcuprennen in Bahrain gegen den nächstjährigen Sauber-Piloten Antonio Giovinazzi angetreten ist. Zwar seien solche Erlebnisse sehr speziell, meint von Lerber. «Aber wenn man das Visier herunterklappt, sind alle gleich.»

Fotos von Sam

Realistisch und vernünftig
Gegen eine reine Frauenmeisterschaft hat sie zwar nichts einzuwenden. «Im Schaltkart gegen die besten Frauen der Welt anzutreten, ist eine verlockende Vorstellung», sagt von Lerber. «Aber was, wenn man dort gewinnt? Dann muss man eh wieder gegen Männer fahren.» Ausserdem könnte eine reine Frauenliga aus Mangel an Teilnehmerinnen nur international ausgetragen werden. «Und das wiederum würde die Kosten immens nach oben treiben.» Geld ist in erster Linie auch der Grund, warum Isabelle von Lerber nie einen Wechsel in den Automobilrennsport anpeilte. «Mir war schon sehr früh klar, dass ein solcher Schritt mit hohen Kosten verbunden wäre. Kosten, die meine Eltern nicht stemmen können. Ich war da immer sehr realistisch und vernünftig.» Was bei anderen wie eine Ausrede klingt, macht bei von Lerber nicht nur Sinn, man kauft es ihr auch ab. «Ich liebe den Kartsport. Ich könnte mir gar nicht vorstellen, etwas anderes zu fahren.» Schluss machen wollte sie dennoch schon das eine oder andere Mal. Ende 2018 hätte so ein Moment werden sollen. «Aber dann», lacht Isabelle von Lerber, «bin ich Dritte in der Meisterschaft geworden und habe in Lignières alle geschlagen, sogar den Meister. Da musst du zwangsläufig weitermachen, auch wenn es immer heisst, man solle dann aufhören, wenn es am schönsten sei.» Den Spagat zwischen der Kindertagesstätte und der Kartbahn betrachtet von Lerber als besondere Herausforderung. «Das eine ist eine Frauen-, das andere eine Männerdomäne. Wenn ich nach einem Wochenende auf der Piste zurück in die Kita komme, ist das schon merkwürdig. Und umgekehrt genauso.» Auf beiden Bühnen muss sich von Lerber behaupten. Im Kart, betont sie, müsse man als Frau aber schon mehr leisten, um akzeptiert zu werden. «Einmal gewinnen reicht nicht», meint sie. «Als Frau musst du schon mehrmals ganz oben stehen.» Auch das Wort Entschuldigung gehe der männlichen Spezies schwerer über die Lippen, meint von Lerber. «Im Vorjahr hat mich einer abgeschossen. Ich hatte danach ein Schleudertrauma, unter dessen Spätfolgen ich immer noch leide. Ein Exgüsi wäre nett gewesen. »

Text: Christian Eichenberger