Eine neue Allianz soll neuen Schwung bringen

RENAULT-NISSAN-MITSUBISHI Im Bestre­ben, einen Schlussstrich unter das Kapitel Ghosn zu ziehen, setzt die französisch-japanische Allianz einen neuen Verwaltungsrat ein. Das Ziel sind schnellere Entscheide und besserer Zusammenhalt.

2019 - Nouveau Conseil opérationnel de l’Alliance

Bewältigt ist die Krise vielleicht noch nicht, aber der Weg zur Besserung zeichnet sich ab. Die Allianz Renault-Nissan-Mitsubi­shi hat erste Lehren aus den Vorwürfen zum Führungsstil von Carlos Ghosn gezogen. Vor­bei ist es mit dem Direktorium der Holding Renault-Nissan B. V., jetzt gibt es den neuen Verwal­tungsrat der Allianz. Die augenfälligste Änderung neben dem neuen Namen ist die Reduzierung von zehn auf vier Mitglieder. Das sind Renault-Präsi­dent Jean-Dominique Senard, Renault-CEO Thierry Bolloré, Nissan-CEO Hiroto Saikawa so­wie Mitsubishi-Motors-CEO Osamu Masuko.

Ein Neuanfang
Gemäss dem Abkommen, welches die vier Manager am 12. März unterzeichneten – der definitive Text wird auf Ende des Monats erwartet – «übernimmt der Verwaltungssrat der Allianz die Verantwortun­gen der RNBV» und wird zum «obersten Organ für die Entscheidungen und Aufsicht der gemeinsamen Geschäftsführung». Die Holding-Manager entfal­len, der Verwaltungsrat «wird zum Aushängeschild und zum Symbol für einen neuen Anfang bei der Al­lianz», heisst es in der Pressemitteilung. Das Hervorheben des Neuanfangs ist ein kla­res Zeichen, die Partner ziehen einen entschiede­nen Schlussstrich unter das Kapitel Ghosn, das ge­kennzeichnet war vom Bestreben, «alle Macht in den Händen eines Mannes zu konzentrieren», wie sich Hiroto Saikawa vergangenen November kri­tisch äusserte, als die Vorwürfe öffentlich wurden.Die Anklage gegen Ghosn löste eine Periode abgekühlter Beziehungen zwischen Renault und Nissan aus. «Wir fragten uns, ob wir ihnen weiter­hin Informationen übermitteln könnten», gab Thierry Bolloré anlässlich eines Rundgesprächs am Genfer Salon zu. «Wenn man Zweifel hegt, kommt diese Art Misstrauen auf. Unsere Hauptaufgabe war es, diese Zweifel hinter uns zu bringen, es gab viel Wichtigeres anzupacken.»

2019 – Nouveau Conseil opérationnel de l’Alliance

Keine voreiligen Entscheidungen
Das Wichtigste war ein Weiterführen der Allianz-Projekte, die bis 2022 Synergien von zehn Milliarden Euro abwerfen sollen (gegenüber derzeit 5.7 Mrd. Euro). «Wir haben höchst bedeutende überschnei­dende Interessen, die aus 20 Jahren gemeinsamer Geschichte entstanden sind», betonte Thierry Bol­loré. «So etwas schiesst man nicht von einem Tag auf den anderen ab. Wir müssen uns vor Augen halten, was wir in all den Jahren geschaffen haben und wie die Ergebnisse in den letzten Jahren noch drastischer Wirkung zeigten. Wir stehen kurz davor, mehr ge­meinsame Projekte zu realisieren. Diese Produkte kommen demnächst auf den Markt.» Der CEO der Renault-Gruppe denkt dabei vor allem an den in Genf vorgestellten Renault Clio V. Der Stadtflitzer verwendet die neue CMF-B-Plattform der Allianz, welche auch für den nächsten Nissan Micra einge­setzt wird. «Wir möchten mittelfristig, also bis 2022, 80 Prozent unserer Modelle auf Plattformen der Al­lianz stellen», führt der französische CEO aus. «Die Synergien sind vor uns, nicht hinter uns. Man macht keine plötzliche Kehrtwendung, wenn man Dutzen­de Millionen in Fahrzeugarchitekturen, Elektronik und autonome Systeme investiert hat.»

«Scheitern ist keine Option»
Das erklärt auch das Bedürfnis nach einer effizien­ten Führung mit Zusammenhalt. Der Verwal­tungsrat der Allianz verspricht denn auch Ent­scheidungen, die «auf Konsens basieren und die Win-win-Formel für alle drei Beteiligten unter­streichen». Die Wortwahl ist natürlich nicht zufäl­lig. Die Partner streben ein neues Gleichgewicht zwischen dem französischen und den japanischen Unternehmen an. «Unsere Priorität bleibt die Al­lianz», betonte Thierry Bolloré. «Ein Scheitern ist keine Option. Wir kennen die Marschrichtung.»Die neue Führungsstruktur dürfte denn auch für ein besseres Gleichgewicht bei strategischen Entscheidungen zwischen den Partnerfirmen sor­gen, wie das die in ihren Augen benachteiligten Ja­paner verlangt haben. Gleichzeitig bleibt aber die Aktionätruktur der Unternehmen unverändert und unausgewogen: Die Renault-Gruppe hält nach wie vor 43.4 Prozent von Nissan, umgekehrt sind es nur 15 Prozent. Wegen der speziellen französi­schen Gesetzgebung haben die Japaner mit ihren Aktienanteil bei Geschäftsentscheiden des Verwal­tungsrats von Renault kein Stimmrecht. Auch das Recht, den Präsidenten für die Führung der Allianz zu stellen, fällt allein dem französischen Un­ternehmen zu.

2019 – Nouveau Conseil opérationnel de l’Alliance

Mehr Flexibilität
In Tat und Wahrheit ist die wirkliche Neuheit die Reduzierung der Ratsmitglieder von zehn auf vier. Das Ziel war, «schnellere Führungsentschei­de» zu treffen und «flexibel handeln zu können». «Wir konzentrieren uns darauf, die Allianz an­passungsfähig zu machen, damit wir in diesem neuen Konkurrenzumfeld schneller reagieren können», blickte Thierry Bolloré am Genfer Sa­lon, eine Woche vor dem Absegnen der Doku­mente, in die Zukunft. Konkret bedeutet das, dass die Projektleiter direkt den Ratsmitgliedern unterstellt sind, was mehrere Zwischenstationen eliminiert.

Zielsetzung 2022
Keine Frage, die Zeit drängt. Die Allianz folgt ei­nem präzisen Zeitplan für 2022: 240 Milliarden Umsatz, 10 Milliarden an Synergien und 14 Mil­lionen Gesamtverkäufe (davon 9 Millionen auf gemeinsamen Plattformen). Und das ist noch nicht alles: Renault-Nissan-Mitsubishi hat sich zudem das Ziel gesetzt, zehn vollelektrische Mo­delle vorzustellen und 40 Modelle mit autono­men Systemen zu realisieren. Und das alles bis 2022. Dieser Zeitpunkt ist natürlich nicht aus der Luft gegriffen. Thierry Bolloré hat während des Rundgesprächs zwar nie ein Datum genannt und nur von einem «mittleren Zeithorizont» gespro­chen. Aber 2022 läuft das Restated Alliance Mas­ter Agreement (Rama), die Gründungsvereinba­rung der Allianz, aus. Das Dokument muss dann auf weitere zehn Jahre verlängert werden. Um die Gefahr einer Auflösung im Streit abzuwenden, haben die drei Partner beschlossen, sich so schnell wie möglich zusammenzuraufen, eine neue Basis aufzubauen und die Weichen neu zu stellen. Aber auch wenn die Wahrscheinlichkeit einer Spaltung heute (trotz der Ghosn-Krise) minimal scheint, so ist jetzt schon fast sicher, dass Nissan mehr Gewicht in der Führung der Allianz verlan­gen wird, wenn das Rama 2022 neu ausgehandelt wird. Nissan ist im vergangenen Jahrzehnt stark gewachsen und übernahm 2016 30 Prozent von Mitsubishi. Die vordergründig lächelnden Ge­sichter können nicht darüber hinwegtäuschen, dass hinter den Kulissen harte Machtkämpfe ausgefochten werden.

2019 – Nouveau Conseil opérationnel de l’Alliance